Die Unschuld in der Tätigkeit / Arbeit spielen

Ein Interview mit der Schauspielerin und Regisseurin Verena Koch.

Was ist dein Begriff von Arbeit, Verena Koch?

Ich finde den Begriff Arbeit am schönsten dann, wenn ich gar nicht merke dass ich arbeite. Wenn ich etwas tue und nicht daran denke, dass ich arbeite. Ebendann stellt sich ein Moment von Kreativität ein. Vielleicht ist das aber auch eine Fehleinschätzung: meine Freundin etwa ist Pianistin, sie steht um 6 Uhr früh auf und übt Tonleitern. Das tut sie nicht, um kreativ zu sein, sondern einfach, weil sie sehr genau ist. Und es macht einen Unterschied, ob sie Tonleitern übt oder darüber nachdenkt, wie sie eine bestimmte Phrase bei Schumann schwerer oder leichter im Sinne des Tempos und der Stimmung interpretiert. Dasselbe gilt für meine Schauspielausbildung – ich war auf einer staatlichen Schule und bin da sehr froh darüber. Eine staatliche Schauspielschule mit dem strengen, geregelten 8 Stundentag, der für drei bis vier Jahre einzuhalten ist, wichtig, um sich alle für den Beruf notwendigen Elemente anzueignen. Man arbeitet und erarbeitet sich etwas: Ob das nun Körper- und Sprechtraining betrifft, Textinterpretation oder Theatergeschichte. Wie man auch ein Handwerk erarbeitet, ja, ich denke unbedingt, dass die Schauspielerei ein Handwerk ist und wir alle Handwerker sind. Und dann, wenn man ganz viel Glück hat, gibt es dieses diesen künstlerischen Moment – der kommt aber auch nicht angeflogen, das ist eine ziemliche Ackerei.

Ein Moment, an dem sich der Arbeitsbegriff aufzulösen beginnt?

Ja, aber ich kann dir nicht sagen in welcher Reihenfolge oder wann das passiert. Als ich mich auf dieses Gespräch vorbereitete, da las ich einerseits über Arbeitsbegriffe etwa bei Max Weber nach, aber ich dachte auch über mich selbst nach. Ich wurde preußisch-protestantisch erzogen, das hat zu einem Arbeitsbegriff geführt, den man kaum aus den Knochen kriegt und gegen den ich ankämpfe. Tatsächlich muss ich mich bemühen, kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich faul bin. Das wird mich mein Leben lang begleiten. Ich erinnere mich an jene Momente, in denen ich gebastelt habe ohne zu denken „ich arbeite“  – das waren die Momente, in denen ich etwas erfunden habe. Es gibt also die Etappe der Unschuld in der Tätigkeit, dann gibt es die Etappe, in der man lernt, dann gibt es eine, in der man ausübt, dann jene, in der man sich ansiedelt und einen Mehrwert erzeugen will, man wird ängstlich, man möchte ein Kind versorgen oder etwas sparen. Und dann gibt es hoffentlich die Etappe, in der man wieder gelassener wird und beginnt, über Autonomie nachzudenken. Um diese Etappe meines Lebens bemühe ich mich gerade. Ich weiß nicht, wie das bei Anderen ist, aber ich finde, das, was ich ein Leben lang tue, sollte etwas sein, das mich beglückt.

Hast du ein Gefühl für den Wert deiner Arbeit?

Ich bin da ambivalent, das hat auch mit meiner Kindheit zu tun – und das unterscheidet übrigens den Schauspielberuf nicht vom Bäcker – ich jedenfalls denke oft darüber nach, ob meine Brötchen auch wirklich gut sind. Dazu kommt, dass es viel mehr Schauspielerinnen gibt als Schauspieler, allerdings viel mehr männliche Rollen als weibliche. Da sinkt der Marktwert, und das wird dir auch genauso vermittelt: wenn du diese Rolle nicht zu diesem Preis machst, dann such ich mir eine andere. Generell muss man sagen, dass Theater sehr hierarchisch organisiert sind – mag sein, dass das nur auf jene zutrifft, die ich kennengelernt habe. Es gibt ein Oben und ein Unten, es gibt Abhängigkeiten und du musst immer um Autonomie und den künstlerischen Zugang kämpfen, den muss man sich hart erarbeiten und mit viel Zivilcourage durchsetzen.

Der Anteil an Kunstschaffenden ist in einem Theater ja oft sehr gering. Schauspieler haben ganz andere Verträge, sie sind kündbar, und das alleine macht sie schon zu freien Radikalen. Du kriegst also einen Vertrag für zwei bis drei Jahre und musst dich immer neu bewähren und beweisen. Das kann dir Angst machen oder aber du drehst es um und fühlst dich dadurch autonom, denn du kannst in jedem Moment wieder gehen. Dieses Gefühl von Autonomie ist übrigens auch für die Proben sehr wichtig, da es hier auch immer um eine Form von Polarität geht, und Widerspruch ist durchaus kreativ.

Hemmen dich diese unterschiedlichen Verträge und Arbeitsbegriffe vor allem in deiner Tätigkeit als Regisseurin?

Ganz ehrlich, abgesehen davon dass ich selbst Gewerkschaftsmitglied bin, darf ich auch sagen, dass es mich manchmal nervt. Vor allem wenn du gerade was ausprobieren willst – und es gibt nichts Schöneres, als die Zeit vergessen zu dürfen. Allerdings: die Bühnentechniker am Landestheater, die strecken dann zwar die Nase vorsichtig raus, haben aber Verständnis, wenn sie sehen, dass auf der Bühne gerade ein wichtiger Prozess im Gange ist. Sie warten ihn ab, bevor sie sich räuspern und sagen: übrigens, es ist schon viertel nach Zwei.

Verliert jemand, der die Arbeit verliert, auch seinen kulturellen Bezug zur Gesellschaft?

Ja, und da denke ich durchaus auch daran, dass auch ich arbeitslos werden kann. Und auch meine Arbeitslosigkeit würde mich entwurzeln – Entwurzelung und Entfremdung sind doch Geschwister. Im Unterschied zu anderen, denen ihr bisheriges Arbeitsleben Takt und Rhythmus zwingend vorgegeben hat, tue ich mir allerdings ein bisschen leichter damit: ich könnte wie als Kind immer noch wenigstens Arbeit spielen.

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Schauspielerin und Regisseurin Verena Koch hat an Universitäten in Paris, München und Frankfurt/Main studiert.

Engagements, Soloprogramme und Inszenierungen u.a. an Bühnen in Frankfurt/M., Göttingen, Esslingen, Mannheim, Münster, Linz, Theater an der Rott, Deutsche Bühne Ungarn, Detmold.

Seit 2011 ist Koch als freie Regisseurin und Schauspielerin tätig, seit 1999 Dozentin für darstellende Kunst an der Anton-Bruckner-Privatuniversität. Freies Mitglied der Theatergruppe Malaria, Diakoniewerk Gallneukirchen.

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