Aus der Ferne / Istanbul

Istanbul.

Ein Versuch, in acht Tagen einen Eindruck einer Millionenstadt (je nachdem wen man fragt, hat Istanbul 13, 15 oder gar 19 Millionen) zu gewinnen, kann nur scheitern. Trotzdem prägen sich Bilder, Situationen und Wörter ein, die hier wiedergegeben werden sollen. Mehr nicht. Wer mehr über Istanbul wissen will, könnte folgende Bücher lesen: * Kai Strittmatter, Gebrauchsanweisung für Istanbul, Piper Verlag / *Orhan Esen, Stephan Lanz, Self Service City: Istanbul, b-books Verlag oder am besten selbst hinfahren und wenn möglich eine Stadtführung mit Orhan Esen buchen.

Schnell.

„In this city, you have to be schnell“, ruft mir Deniz zu, nachdem er meine Hand geschnappt hat und mich zwischen den gerade mal stehenden Autos auf die andere Straßenseite zieht, „if you‘re not schnell, you‘re schnell dead“. Schnell sagt er deshalb, weil es eines der wenigen deutschen Wörter ist, die er kennt, was angesichts des rasenden Tempos seiner Stadt und der Langsamkeit meiner Stadt zu einem Paradoxon wird. Ich bleibe trotz der Schnelligkeit meiner Beine, zu der sie sich binnen kürzester Zeit als absolute Überlebensnotwendigkeit entschlossen haben und der Beweglichkeit meines Körpers angesichts der Massen an Menschen, an und zwischen denen er sich vorbeischlängeln muss, staunende Beobachterin, die wie ein Schwamm alles aufsaugt, was sich an visuellen Eindrücken bietet. Istanbul bemüht sich gerade intensiv zu einem der wenigen Orte zu werden, in die ich mich auf Anhieb verliebe, weil sie mich aufsaugen. Gegensätzlicher geht wohl kaum. Während in der Istiklal Massen an westlichen Geschäften vorbeiziehen, bietet sich nur um die Ecke ein ruhiges und trotzdem lebendiges Bild, bleibt der Autobusfahrer, der einen vor einer Sekunde fast noch über den Haufen gefahren hätte, stehen, öffnet die Tür und ruft einem zu, wohin er fährt und ob man nicht mitfahren wolle. Männer um die 60 versammeln sich auf der Fähre an der Reling, um die Möwen mit Brocken von Brot derart zu füttern, dass sie, die Männer, den größten Spaß dabei haben, weil die Möwen Kunststückflüge vollführen müssen, um die ihnen zugeworfenen Brotstücke zu fangen. Man muss Jetons kaufen, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, an dem einen Automaten wechselt man die Scheine, am anderen kauft man die Jetons, an einem anderen wirft man sie ein, man durchquert ein Drehkreuz und steht schließlich auf einem Straßenbahnsteig, der von allen Seiten zugänglich ist, auch ohne Jetons – schwarz fährt trotzdem niemand. Und rote Verkehrsampeln sind nicht mehr als Beiwerk, das die Stadt in ihrem ohnehin von der Farbe Rot – aufgrund der überall weithin sichtbaren, riesigen, stets und unabhängig von Windrichtung perfekt wehenden türkischen Flaggen – geprägten Antlitz noch bereichert – das gilt für Autofahrer wie für Fußgänger. Befinden sich also ausreichend Fußgänger auf dem Zebrastreifen, müssen Autofahrer halten, egal ob sie nun Grün haben oder nicht (was war die andere Farbe nochmal?)

Gürütülü.

Das Wort, das sich anhört wie Vogelgezwitscher, steht für „lärmig, krachend, laut“. Gürütülü ist es hier Tag und Nacht. Baumaschinen und die Wagen der Müllabfuhr werden nur nachts angeworfen, da sie tagsüber kaum Platz in den Straßen fänden. Gürütülü ist es in den Clubs, den Bars, den Mehanes und so freundlich wie das Wort selbst sind jene, die es erzeugen. Istanbul ist – zumindest in den acht Tagen meines Verweilens – eine der freundlichsten Städte überhaupt. Sie bleibt auch freundlich, wenn man sich die unverzeihliche Dummheit erlaubt und auf die Frage nach dem besten Istanbuler Fußballverein antwortet – ein Spiel, bei dem man nur verlieren kann. „Fenerbahce – phhh“ ruft der Taxifahrer aus, nimmt die Hände vom Lenkrad während er fährt und zupft an seinem T-Shirt, als wolle er Dreck abschütteln. Galatasaray, was sonst. Ein Glück, dass er uns trotzdem weitertransportiert, hätten wir Galatasaray genannt, wäre es wahrscheinlich Besiktas gewesen.
Niemand wird in Istanbul lange mit einem Stadtplan auf der Straße stehen, ohne dass nicht mindestens fünf völlig ortsunkundige aber sehr freundliche Menschen herbeieilen und ihm hilfreich zur Seite stehen. Dass sie sich dabei anschreiben und miteinander wild diskutieren, was für ein Depp doch der eine sei, weil er meint, das gesuchte Ziel sei dort, darf man keinesfalls persönlich nehmen, in Istanbul will offenbar jeder mit irgendetwas beschäftigt sein, und sei es nur ein Tourist, den man voller Überzeugung und ohne böse Absicht in die völlig falsche Richtung schicken kann. Spätestens nach zehn Minuten steht der Fremde wieder an der gleichen Ecke und bietet sich als willkommene Abwechslung an.

Füniküler.

Die Stadt hat ein eigentümliches System, sich selbst, ihre Bewohner und Bewohnerinnen und vor allem den öffentlichen Verkehr zu organisieren. Hat man das Gefühl, man habe einen Teil verstanden, ändert sie das System, um die Menschen flexibel zu halten, nehme ich an. Die An- und Ablegestellen der Fähren etwa werden mehrmals im Jahr verlegt. Dass Reiseführer und Stadtplangestalter da nicht mithalten können, ist klar. Meine liebste Bahn ist die Füniküler, die genau zwei Stationen hat: Taksim-Platz und Kabatas, jene Ablegestelle, von der man zurzeit (April 2010) auf die Prinzeninseln übersetzt. Ubahnen, Tünels, Fünikülers und Straßenbahnen werden, erzählt Deniz, dann errichtet, wenn der Bürgermeister des betreffenden Stadtviertels gerade Lust dazu und Geld hat. Die einzelnen Linien müssen dabei keineswegs miteinander verbunden sein, wozu gibt es schließlich die Dolmus – Sammeltaxis, die erst fahren, wenn sie voll sind, entstanden aus einem Selbstorganisationssystem von Berufs-Pendlern. Das Errichten von Tünels und Fünikülers entspricht teilweise auch der Art und Weise, in der Wohnbauten, Bürokomplexe und Olympiastadien errichtet werden. Prestigeprojekte, die nicht unbedingt bewohnt oder vermietet sein müssen. Wobei kaum etwas vermietet ist, sondern die Wohnungen meist billig von der Stadt verkauft werden – ein politisch gewieftes System hat aus armen Einwanderern Besitzende und Kapitalisten gemacht – schließlich steht die islamisch-konservativen Regierungspartei AKP für wirtschaftlichen Fortschritt.
Das Olympiastadium wurde vorsorglich gebaut, nachdem sich Istanbul einige Male als Austragungsort beworben hatte. Nach dem Motto, irgendwann muss es klappen, und wenn sie erst unser Olympiastadium sehen… Der Stadtforscher Orhan Esen erzählt während seiner phantastischen Führung an die Peripherie Istanbuls, vorbei an teils leer stehenden etliche Quadratkilometer großen Textilstädten und Vororten, die aus Hochhäusern bestehen – deren Dichte in Istanbul die dritthöchste weltweit nach Hongkong und New York ist – eine nette Geschichte: Als es wieder und trotz Stadium nicht klappte mit Olympia, wollte man das Olympiastadium den drei großen Istanbuler Fußballvereinen zur Verfügung stellen, die wollten dort aber nicht spielen, weil die Zuschauertribünen zu weit entfernt vom Spielfeld sind, und das entspricht keineswegs der emotionsgeladenen Art, wie in Istanbul Fußball geschaut wird. Also wird es nun vom Fußballverein der örtlichen Stadtverwaltung genutzt, das Olympiastadium.
Kulturhauptstadt
Kulturhauptstadt? Ein einziges Plakat kreuzt unseren Weg, das auf Istanbul 2010 hinweist. Inhaltlich war in den acht Tagen meines Verweilens nicht viel oder im Prinzip gar nichts davon zu merken, und Istanbuler wie Deniz meinen, europäische Kulturhauptstadt zu sein, habe keine große Relevanz für Istanbul – eine Haltung, die sich im Übrigen auch bei einem Rundgang durch das Istanbul Modern beweist, der Zugang zu zeitgenössischer Kunst ist im ersten Moment frappierend naiv und unzeitgemäß, und macht deutlich, warum so viele türkische Kunststudierende nach Europa drängen. Der zweite Blick – Gespräche mit Kuratoren und jungen KünstlerInnen, Besuche in Off-Space Galerien – entwirft ein durchwegs differenziertes Bild, das einer dynamischen, offenen mutigen Szene, die nicht zuletzt mit der zunehmenden Islamisierung der Weltstadt Istanbul kämpft.
Kulturhauptstadt an sich findet in Istanbul jedenfalls nicht statt – das künstlerische Komitee ist ja schon längst zurückgetreten oder zurückgetreten worden, und die Stadtverwaltung hat die gefällige Bespielung – oder eher das Geld dafür, wie Deniz meint – in die Hand genommen und steckt es in Brücken- und andere Bauprojekte. Apropos Brücke: die Brücke über den Bosporus, die Europa mit Asien verbindet, hat ein Lichtkonzept, das ein wenig an das Lentos erinnert. Es bleibt das einzige, das in diesen Tagen an Linz erinnert.

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