Radikale Kleinheit!

Katalogtext, erschienen in: Kunsthalle Linz 2013 – 2018, Juni 2019 kunsthalle

Alles, was diese Stadt braucht und wirklich brauchen würde, findet sich im Konzept der Kunsthalle.

Damit wäre das wichtigste an den Anfang gesetzt, gesagt und dieser Text eigentlich auch schon wieder zu Ende. Was generell nicht das Schlechteste an Texten ist, gerade wenn sie sich mit besonders kleinen, besonders radikalen Situationen auseinandersetzen. Ein bisschen der Tradition der Kunsthalle Eröffnungen folgend werde ich allerdings doch ein bisschen ausführlicher werden, zumal sich die Kunsthalle und das Team der Kunsthalle einen schönen, ehrenvollen 6. Geburtstag verdient haben. Einen Kindergeburtstag quasi, einen letzten, bevor der Ernst des Lebens beginnt, mit Schule, Ferien, Arbeit, Urlaub, Pension und Tod. Und der Tod ereilt einen in dieser Stadt rascher als einer lieb ist, nicht zuletzt dann, wenn es sich um Kultur- und Kunstinstitutionen handelt, die sich erlauben, eigene, nicht-institutionalisierte, nicht an die Stadt und ihre Gremien und Expert*innen gebundene und aus ihnen geborene Kriterien, Inhalte und Maßstäbe zu setzen. Die zwar viele eh super finden und für total wichtig halten, so wirklich ernst nehmen, verstehen und vor allem finanzieren will sie dann aber doch niemand. Wenigstens nicht in der Art, die strukturelle und inhaltliche Unabhängigkeit ermöglichen würde.

Dann nämlich schon eher gar nicht.

Schade, denn es stünde einer Stadt durchaus gut an, gerade jene ausreichend zu finanzieren, die sich selbst gebildet haben, die unkontrollierbar sind, die unabhängig sind, die kritisch sind – denn nur darin beweist sich das demokratiepolitische und kulturpolitische Verständnis einer Stadt, die den Begriff Modernität so gerne für sich in Anspruch nimmt.

Wir wissen allerdings – es ist anders. Und ich schreibe da nicht allein von der Kunsthalle, ich meine alle wichtigen, neuen Initiativen, die sich – der Förderpolitik zum Trotz – aktuell in dieser Stadt bilden oder in den letzten Monaten gebildet haben und die nicht an die touristischen und kulturellen Institutionen dieser Stadt angedockt sind. Hört ihnen zu, besucht ihre Veranstaltungen, finanziert sie, bezahlt sie für ihre Arbeit!

Doch zurück zur Kunsthalle und ihrer Radikalität. Während viele andere nach Großem und ins Freie streben mit ihren guten Ideen für diese und mit dieser Stadt, blieb die Kunsthalle stets radikal klein und zu Hause: in den Missverhältnissen, den Zwischenräumen, an den Grenzen zwischen und an der Überwindung von Innen- und Außenraum, zwischen Vorüberziehen und Verharren – immer den feinen Grat zwischen Präsenz und Repräsentation entlang wandernd.

Eine Haltung, die die Kunsthalle von Beginn an glaubwürdig verkörperte: ein Kubus, etwa 40 cm im Quadrat, der sich gefunden hatte in Gestalt und Behausung eines Heizungs-Außentemperaturfühlers am Gelände der Tabakfabrik. Ausgerechnet.

Was für ein schönes Bild im August 2013: selbstironisch, gescheit und vor allem gleichermaßen unangestrengt wie unanstrengend. Kunst-, Kunstmarkt-, Institutionen- und Technikkritik in einem, auf einer Raumgröße, die lächerlich und größenwahnsinnig zugleich wirkt.  Eine Haltung, die sich in den Einladungen zur Eröffnung zeigte. Fotos, die das IFEK – Institut für erweiterte Kunst damals ausschickte, spielten mit der Sehnsucht der Stadt nach einer „Kunsthalle“. Spielten mit der Sehnsucht einer „second city“ nach Größe und Urbanität, wie sie sich in der Tabakfabrik formuliert bzw. damals vor 6 Jahren noch dezent zu formulieren begann, (heute macht der Komplex die Stadt ja zum zweiten Berlin, lesen wir; wovon wir nicht lesen, sind die vielen Fragen der vielen Journalist*innen danach, was das genau bedeuten könnte oder sollte.)

Wer nach Berlin sucht in Linz, findet es seit 2015 am gegenüberliegenden Ufer der Donau. Hier wurde die zweite Kunsthalle schließlich errichtet, hier fand das Ausstellungshaus einen würdigen, permanenten Ort und mit dem Kunstmuseum Lentos vor allem ein würdiges Gegenüber. An nichts erkennen wir uns und reiben wir uns und entwickeln wir uns so stark wie an unserem Gegenüber und unter nichts leiden wir so stark wie am Verlust desgleichen – und so bleibt zu wünschen, dass beide Institutionen, jene White Cubes in dieser Stadt sich auch weiterhin über die Donau hinweg wiedergeben und ergänzen.

Als einen „kleinen Spielplatz für unverhältnismäßig große Dinge“ hat Eröffnungsrednerin Marie Therese Luger vor 6 Jahren die Kunsthalle bezeichnet, der Begriff Spielplatz müsste – denke ich – mittlerweile präziser definiert werden. Natürlich geht es noch ums Spielen mit den Verhältnissen, betrachten wir allerdings die künstlerischen Positionen, die in den vergangenen sechs Jahren hier bezogen und diskutiert wurden, die Menge an unterschiedlichen Genres und Medien, mit denen diese Positionen umgesetzt wurden und vor allem die immer brillanten Eröffnungsreden, die gehalten wurden – sollte festgehalten werden, dass die Kunsthalle einer jener Ausstellungsräume dieser Stadt ist, denen wir mit gebührender Ernsthaftigkeit begegnen sollten: weil sie sich in Bezug und Relation zu sich selbst befindet, vor allem weil sie weiss, wie die eigene Begrenztheit zu sprengen ist und wie man sich dadurch – immer Perfektion im einen, Scheitern im anderen Augenwinkel – selbst genug sein kann.

Sollen die anderen nach Größe streben, radikale Kleinheit ist es, was diese Stadt wirklich braucht!

WILTRUD KATHERINA HACKL leitet die oö. Gesellschaft für Kulturpolitik

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