Ich hab immer schauen müssen

oder: Schönheit ist nicht die Absicht …

Foto: Woge, (c) Therese Eisenmann

Eine Laudatio für Therese Eisenmann anlässlich der Verleihung des Heinrich-Gleissner-Preises 2018 am 14.1.2019, (gehalten aufgrund einer Erkrankung von Clara Gallistl)
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann Thomas Stelzer, sehr geehrter Herr Landeshauptmann außer Dienst Josef Pühringer, sehr geehrte Frau Landtagsabgeordnete Elisabeth Manhal, lieber Alfred Pittertschatscher und vor allem verehrte, liebe Therese Eisenmann. Zuallererst darf ich Dir ganz herzlich zu diesem Preis gratulieren und mich ebenso herzlich dafür bedanken, die Laudatio auf Dich und Dein Werk halten zu dürfen – danke für dein Vertrauen.

Immer wieder haben sich in den letzten Jahren unsere Wege – wenngleich oft nur kurz – gekreuzt und zumeist in beruflichen Zusammenhängen. Therese Eisenmann, die Künstlerin – ich die Journalistin. Mittlerweile leite ich seit ein paar Jahren die oberösterreichische Gesellschaft für Kulturpolitik und bin nur mehr selten als Journalistin tätig – und bei einem dieser letzten Interviews hat Therese einen kurzen, fast beiläufigen Satz getätigt:

Sie sei ein ruhiges Kind gewesen – während die anderen auf Hochstände oder Bäume kraxelten, habe sie schauen müssen. „Ich hab immer schauen müssen“. Ob Schmetterlinge oder Steine, es sei ihr nie langweilig geworden, sie eingehend zu betrachten. Dieses kindliche „schauen müssen“ mag sich über die Jahre zu einer versierten, kundigen Form des professionellen Betrachtens ausgebildet haben – am Impetus aber, daran also, dass die Künstlerin nicht anders kann als genauestens zu betrachten – dem Müssen der Kindheit – daran hat sich nichts geändert.

Ob tote oder lebende, wilde Tiere, verschiedenste Formen von Wasser, Prozesse von Transformationen, Frauen und Frauenkörper und nicht zuletzt die Künstlerin, ihre Rolle, ihre Person selbst – dem Anspruch dieser fundamentalen Betrachtung entzieht sich weder Therese Eisenmann selbst noch entlässt sie, die Künstlerin uns, das Publikum ohne dass wir einen tiefen, profunden Blick getan hätte.

Ich empfand es als Ehre und große Freude, mich in den letzten Wochen in dieses Werk zu vertiefen, mich dort umzusehen, mich in Therese Eisenmanns Handschrift zu denken, mich hineinzulegen in die Art wie sie die Welt sieht und beschreibt und abbildet. (Und ich zerknittere hoffentlich nicht zu viel dabei.)

Ich habe mir erlaubt, einige Themenfelder herauszugreifen, Assoziationen zu ziehen, auch mit und aus dem, was Therese Eisenmann schriftlich immer wieder notiert, poetische Beifügungen und Texte, die dazu angetan sind, einen noch tieferen Einblick in ihr Werk zu geben.

Eisenmann lebt einen so umfassenden Kunst- und Kunstproduktionsbegriff und einen so intensiven Zugang zu den verwendeten Themen und Objekten – dass sie gleichsam uns, die Betrachtenden mit in die Höhlen, die dunklen Wasser, das tiefe Schwarz ihrer Drucke nimmt – und uns gleichzeitig mit dem Kunstwerk quasi wieder ausspuckt. Um Erkenntnisse reicher – nicht zuletzt um jene, dass der Betrachtungsprozess kein konsumistischer, passiver sein muss, sondern einer, der dem Publikum wenigstens Auseinandersetzung mit dem Gesehenen abringt, oder die Subjekt/Objekt Beziehung umkehrt.

Denken Sie etwa an die Selbstportraits, auf denen – auch aber nicht nur der Umkehr-Technik des Drucks geschuldet – uns die Künstlerin geradewegs in die Augen blickt. Nicht wir blicken, sie blickt uns an – direkt in die Augen, wie es sonst nur unser eigenes Spiegelbild tun würde. Das Selbstbildnis der Künstlerin wird zum Spiegel – jener kulturgeschichtlich erprobten wie „mächtigen Ordnungsidee“, wie ihn Medienwissenschafter Manfred Fassler nennt, derer wir uns bedienen, wenn es um Selbstbeobachtung, Realitätsüberprüfung, Wissenserwerb, Wahrheitsgewinn oder Erkenntnis geht.

Was blickt uns an?“ fragt auch die Künstlerin. „Was blickt uns an aus den Sternen?“„Heute morgen strahlte eine ungewöhnlich helle Venus aus einem klaren Himmel. Ihr Blicken und Blinken war wie eine Einladung, ein Ruf“, notiert sie im November 2018.

In diesem erblickt werden und erkannt werden äußert sich die Sehnsucht, sich selbst als Teil der Welt zu beschreiben. Dieses bescheidene Ansinnen begleitet Werk und Leben der Künstlerin durch viele ihrer Lebens- und Arbeitsstationen. Vielleicht gerade indem sie sich entzieht, indem sie sich in der Abgeschiedenheit eines Klosters, einer aufgelassenen Bergwerkskantine auf über 2000 Metern Höhe oder in einer Höhle selbst befragt, sucht sie Bilder, Ideen und Möglichkeiten, wie dieses Teil der Welt Sein gelingen könnte. Setzt sich einem  „Mit-sich-Alleinsein“ aus, das die Philosophin Hannah Arendt etwa als Voraussetzung für die Ausbildung eines Gewissens beschreibt.

Unabhängig von Orten betrachtet Therese Eisenmann und stellt Fragen: „Was soll meine Rolle, meine Pflicht, mein Ziel sein inmitten dieses bestürzenden, atemberaubenden Dramas, in das ich verwickelt bin.“

In das ich verwickelt bin – wieder beobachtet sie, aus skeptischer Distanz zum eigenen Leben und lässt sich gleichzeitig jederzeit verwickeln, bringt die Verwicklungen zu Papier, schreibt sie der Druckplatte ein. In diesem Kontext treten einige ihrer Themengruppen in den Vordergrund: Wasser, Zeit, Tod und vor allem Höhlen – als mythische, als mythologische Orte, als Orte der Selbstfindung. Wie in vielen ihrer Arbeiten vermittelt sich vor allem hier gleichzeitig ein ganzheitliches Sinnerlebnis, die Betrachterin wird hineingesogen, riecht förmlich den warmen, weichen Lehm, oder spürt den Sandstein jener Höhlen. Eisenmanns Kunst ist plastisch – auf vielen Ebenen. Und sie ist schonungslos, mit uns als Publikum, vor allem aber mit sich als Künstlerin. Kaum eine Tiefe, kaum ein Spalt, kaum ein Reiben – im Leben, in Träumen, in Erinnerungen, dem – so scheint es – die Künstlerin nicht bereitwillig nachspürt. Es ist ein forderndes, ein kritisches, ein zweifelndes Werk, es ist poetisch und hat gleichzeitig tiefe, authentische, auch politische Dimensionen. Umso mehr wenn es um zwei weitere Themengruppen in ihrer Arbeit geht:

Zeit und Wasser

Wer Teil der Welt ist, ist Teil der Zeit – und der Begriff der Gleichzeitigkeit einerseits und Dichotomie von Zeit andererseits nehmen im Werk Therese Eisenmanns immer wieder Raum ein: Zweiteres etwa in Abbildungen unterschiedlicher Transformationen oder der Beschäftigung mit dem Tod – Bilder, die ein davor und danach brauchen, ein Diesseits und Jenseits, um sie fassen zu können. Zeit als notwendige Voraussetzung, um Objekte überhaupt ins Werk aufzunehmen – Verwitterung, wenn es um die toten Tiere & Skelette geht, denen sich Eisenmann widmet. Zeit auch als formaler Faktor, wenn es um das Serielle einer Druckgrafik geht – unter anderem im Zyklus „Wasser“ zu beobachten.

Andererseits eben Gleichzeitigkeit – teilweise als ein Fluss beschrieben, eine „teilnahmslose, gleichmachende Flut“, wie die Künstlerin es ausdrückt, die über alles hereinbricht, das sich kurz in diesem Zeitenstrom an die Oberfläche retten kann und aus den Wassern hervorragt. Unabhängig vom Bildinhalt beschreibt Therese Eisenmann hier die Radierung selbst als ein Mittel gegen diese Flut: ein „behutsames Herausheben von Einzelaspekten aus dem Zeitenstrom“ schreibt sie. Meer, Wasser und Zeit, Wasser und Tod oder Von Wasser bedeckt – Titel von Serien und Zyklen, die zeigen, welche Bedeutung das Element im Werk einnimmt. In diesen Bildern wird erneut spürbar, wie bedingungslos die Künstlerin bereit ist, in Welten einzutauchen, sie auszuloten, sie abzubilden, ohne ihnen auch nur das Geringste von dem zu nehmen, was sie zaubrisch, mythisch, dunkel macht. Es sind sehr dichte Bilder, die hier entstehen – Wasser kräuselt sich, verdichtet sich, bildet Flächen, zieht sich zusammen, fließt, bäumt sich auf, bildet viele Wasser, vereinzelt sich – Therese Eisenmann ist kein Weg zu mühsam und zu weit direkt hinein in diese Wasser, die dunkle Wasser sind, der Weg „hinein in das Schwarze“, ein künstlerischer Anspruch, der sich mit dem formalen Wesen der Druckgrafik gerade in diesen Serien so bemerkenswert vereint.

Man könnte sich in vielen Themen und Details verlieren, so umfangreich und vielschichtig ist Therese Eisenmanns Werk und ich bin glücklich, dass es nun bald diesen wunderschönen Katalog geben wird, in dem nicht nur ihre Arbeiten abgebildet sind, sondern Tagebuchaufzeichnungen, Zitate und Texte Aufschluss geben.

Etwa, wenn sie davon schreibt, wie bewusst sie sich darüber ist, dass ihre Zuneigung zu toten Tieren in ihren Bildern, denen sie fundamentale Betrachtung schenkt – „meine Nähe zu allem Skelettösen“ – skeptisch betrachtet wird: „…weil ich in den Verruf geraten bin, tote Tiere zu mögen“.

Diese Drucke mit toten Fischen, Vögeln, kleinen Skeletten in Eisenmanns Werk sind unglaublich zärtliche, anziehende, ganz offensichtlich mit größtmöglicher Neugierde und ebensolcher Demut betrachtete und gezeichnete tote Tiere. Sie sind wunderschön, sie sind Teil der Welt.  „Sie sind nicht von meinem Wohlwollen abhängig“ schreibt Eisenmann und betont: „Nocheinmal: Schönheit ist nicht die Absicht, sondern das Resultat von Natur“.

Danke Therese, für dein Werk, danke Ihnen fürs Zuhören.

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Mündliche Zitate der Künstlerin sind einem Interview mit der Autorin in der Reihe „Aus reiner Gegenwart“ Dorf TV, 2016, entnommen

Schriftliche Zitate der Künstlerin sind dem Katalog „Fernes Licht. Hauptwerke meiner druckgrafischen Arbeit bis 2018“ entnommen. Erscheinungsdatum Frühjahr 2019

Weitere Zitate:

Ohne Spiegel leben. Sichtbarkeiten und posthumane Menschenbilder, Hg. und Vorwort von Manfred Faßler, Wilhelm Fink Verlag 2000

Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität, Matthes & Seitz Berlin, 2016

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