Susanne Purviance

(…) Eröffnungsrede zu Bildern von Susanne Purviance, 22.11.2018, Leonding

Produktion – diesen Titel gibt die Künstlerin der Ausstellung und Susanne Purviance nähert sich damit aus mehreren Positionen einerseits dem Begriff des Produzierens von Malerei selbst, den Motiven etlicher der hier gezeigten Bilder – es sind Arbeitsumfelder und industrielle Umgebungen – und schließlich dem Begriff der arbeitenden und damit produzierenden  Künstlerin. Und sie greift so nebenbei eine jahrhundertlange Tradition der Motivsuche für Bildende Künstler und Künstlerinnen auf: jene der Arbeit selbst und jene Stätten (und Gstettn) menschlicher Arbeit, die Zeugen und Zeuginnen dieser Produktion sind. Wer nun einwerfen möchte: das Produzieren von Kunst, von Malerei sei doch nicht zu vergleichen mit der Produktion von Waren anderer, viel profanerer Art, dem möchte ich nicht zuletzt mit Friedrich Engels antworten, der in seiner „Dialektik der Natur“ etwa verdeutlicht, mit wie wenig Unterschied und wie nüchtern die Sache zu betrachten sein könnte:

„So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.“ –

und Purviancsche Malerei sei hier anzufügen.

Das Darstellen, das Zeigen von Arbeit und Produktion – oft mit einer heute schwer erträglichen exotisierenden Haltung versehen – hat Tradition in der Kunst- und Kulturgeschichte, nicht allein in der europäischen. Arbeit und arbeitende Menschen faszinieren seit jeher, ihre kraftvollen Körper, das oftmals fremde, karge und unwirtliche Umfeld, in denen Menschen landwirtschaftliche oder industrielle Arbeit verrichten, waren stets Motive für Künstler – als Motiv, so könnte man sagen, ist die Darstellung von Arbeit so alt wie die Arbeit selbst, wenn man etwa an die vorgeschichtlichen afrikanische Felsenmalereien denkt, die 4000 vor Christus in der Sahara entstanden sind und Menschen beim Feuermachen zeigen. Was also sollte eine gegenwärtige Künstlerin an diesem Motiv, an dem sich vor ihr tausende von Malerinnen und Malern abgearbeitet haben, noch interessieren? Was sollte überhaupt eine gegenwärtige Künstlerin daran interessieren, die Welt bloß abzubilden, wenn sie sie doch genauso gut verändern könnte?

Ich denke, dass sich die Malerin selbst Fragen wie diese oft genug stellt und aufwirft, und sie beantwortet sie mit jedem ihrer Bilder, mit jeder neuen Motivation, mit jedem neuen Gedanken, der Purviance zu einem neuen Bild antreibt:

Sie romantisiert weder, noch verklärt sie und schon gar nicht exotisiert sie – auch wenn, und das gibt die Künstlerin auch unumwunden zu, einige ihrer Arbeiten durchaus in ein romantisches Licht getaucht werden, was besonders bei den Voest Bildern dann eine ganz besondere Stimmung erzeugt. Eine Zuneigung wird da sichtbar, die im Moment des Malens die Künstlerin und ihrem Blick zu eigen wurde, die jede andere von uns in diesem Moment, wären wir an dem gleichen Motiv gerade vorbeigegangen, womöglich und wahrscheinlich nicht empfunden hätten. Und doch können wir sie in den Bildern nachvollziehen.

Mehr noch schafft es Purviance – und das ist denke ich eben einer jener Antriebe – den alltäglichsten und auf den ersten Blick nicht besonders schönen oder aufregenden Szenerien eben jenes zaubrische Moment aufzusetzen quasi, durch das wir die Szenerie und schließlich das Gezeigte als etwas ganz besonderes wahrnehmen können, ohne dass sie es verkitscht oder ihm die Authentizität entzieht.

Purviance ist eine der produktivsten Künstlerinnen, die ich kenne. Sie malt viel, sie arbeitet viel, sie malt eigentlich ständig und scheint dabei eine so unbändige Leidenschaft und Freude zu verspüren, dass man sich als Besucherin im Atelier eigentlich dafür entschuldigen möchte, wenn man die Künstlerin wohl grade bei der Arbeit stört. Auch hier kommt der Titel der Ausstellung zum Tragen und reiht sich ein in einen sehr aktuellen Diskurs – wenn es um Themen wie Arbeitsbedingungen vor allem für Künstlerinnen, Solidarität, soziale Absicherung oder Prekariat geht.

Arbeitsumfelder, die Gstettn und Stätten, Gerüste und Gerippe industrieller Hochkonjunktur und industriellen Verfalls, das Umfeld der Markstandler oder Arbeiter am 1.Mai – Purviance malt sie, belässt sie, mit größter Wertschätzung den Subjekten und Objekten in ihren Gemälden gegenüber, bildet sie ab ohne einen wertenden Blick einzunehmen, was sich auch dem verdankt, dass Purviance selbst – sowohl als Mensch als auch als Malerin – von einer so großen gleichberechtigten und wertungsfreien Zuneigung und Neugierde ihrem Umfeld gegenüber geprägt ist.

Nur dieser freie Blick kann abbilden, was da  – banal gesprochen – IST und auf ein Stück Leinwand passt – der Rest ist ohnehin Geschichte, die weitererzählt werden will. Ihre Bilder haben keinen Anfang und kein Ende, sie sind, im Moment des Malens und im Moment des Betrachtens.

Es ist hoch an der Zeit, dass vor allem Frauen den Blick auf zum Großteil von Männerhand erzeugte und betriebene Zeugen von Produktion und Arbeit richten. Nicht etwa, weil sie womöglich irgendetwas Sprödes in ein hübsches Umfeld packen und dadurch gefälliger machen könnten. Sondern weil Frauen wie Susanne Purviance –  gleichzeitig künstlerisch, politisch und menschlich talentiert und geschult – jenen wertfreien, nüchternen Blick einnehmen können, den die Welt, den die Kunst, den WIR aktuell brauchen. Hierarchische, männlich dominierte Blicke, vor allem in der Kunst, sorgen selten für erkenntnisreiche Momente. Eine Malerin wie Susanne Purviance aber schafft es durch eben die beschriebene Haltung, die sie beim Malen einnimmt, dass Menschen beim Betrachten ihrer Bilder einen Dialog im sokratischen Sinn führen können: durch Befragung des Gegenübers, das letztendlich immer auch eine Befragung seiner Selbst ist, verorten und erkennen wir uns selbst im Gegenüber.

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