WORKBITCH #13 | Everything must go!

Ich werde an Übelkeit sterben.

Wenn dieses Schwanken zwischen positiver Gelassenheit, der Freude darüber, demnächst endlich alles anzünden zu dürfen und der Überzeugung tief drin, dass alles noch viel viel schlimmer kommen wird (schlicht, weil es schlimmer kommen KANN) nicht bald aufhört, dann werde ich an Übelkeit sterben. Mein Herz wird aufhören zu schlagen. Mein Magen und Bauch werden rumoren wie nie zuvor, während sich in meiner Galle ein Brennen und Ziehen breitmachen wird. Ich werde noch ein paar Rülpser in die Welt setzen und dann wird es aus sein.

Die Welt ist manisch-depressiv – oder ist es doch mein Blick, der sich nicht entscheiden kann und mal freudig und dann wieder angstvoll um die nächste Ecke schaut? – egal – ich fühle mich jedenfalls wie damals, als ich als einzige nicht seekrank, dafür nach drei Wochen Segel-Urlaub aber landkrank wurde. Ich wusste nicht einmal, dass es dieses Krankheitsbild gibt. Landkrank. Wenn der Körper sich auf See wohler fühlt als auf dem Trockenen, dann kann eine das überkommen. Dann steigt eine vom Schiff, über dessen Reling alle anderen drei Wochen lang das Meer vollgekotzt haben und kotzt plötzlich selbst (sich vor die Füße. Ohne Reling. Ohne Meer). Abgrundtiefe Übelkeit überkommt eine, sobald das wohlig und grundvernünftig schaukelnde Schiff verlassen werden muss. Abgrundtief übel. Und man weiß: solange auch noch ein Bissen, ein Tropfen in mir ist, der raus MUSS, gibt es keine echte Besserung. Everything must go! Und so auch ich – aus dem Leben anderer, in das ich mich gedrängt habe. Geborgtes Glück, das ich zurückgeben muss. Davor natürlich ausmisten, weil sich wie immer Objekte im Netz der Projektion eines besseren, eines gemütlichen, eines einfachen Leben verfangen haben. Ich kenne das. Ich bin geübt darin. Eine, die schon als Kind stets mit einem fix fertig gepackten Köfferchen unter dem Bett geschlafen hat, tut sich nicht allzu schwer mit weggehen. Eher mit dem Bleiben. Mit dem Statischen, mit dem nicht wohlig und grundvernünftig Schaukelnden.

Landkrank also. Ich denke, ich bin unter Umständen österreichkrank. Immer schon gewesen. Und mindestens in dritter Generation mütterlicherseits. Meine Großmutter – *1899 – meinte, dass das nicht mehr „ihr“ Österreich war, nachdem die Nazis übernommen hatten (wobei sie zwar mit einem republikanischen Österreich auch nicht wirklich allzu glücklich war, befürchte ich, immerhin aber konnte man sich auf die Schnittmenge des Antifaschismus einigen). Meine Mutter – *1934 – wollte nur weg aus dieser Kleinstadt, in die sie gepresst, in der sie festgehalten und zu einem stillen Leben gezwungen wurde und später von einer Ehe und vielen Kindern so richtig festgeschraubt wurde (an einen Ort, über den und dessen Bewohner und Bewohnerinnen ich sie nie versöhnlich sprechen hörte). Weg wollten sie und geblieben sind sie und gehadert haben sie. Und ich – *1969 – ich träume vom Meer, vom Schaukeln, vom Treibenlassen, vom Schreiben, vom Auskotzen, vom leer werden.

Landkrank also.

Also nicht generell landkrank, sondern eher geographisch eingeschränkt auf Österreich. Und Ungarn. Und aktuell Italien vielleicht auch noch. Und die USA nicht zu vergessen. Also doch eher länderkrank. Und gleichzeitig, wenn ich mit Freund*innen spreche, habe ich das Gefühl, wir sind mittendrin in etwas schwer Revolutionärem, einem Aufbruch, jedenfalls mittendrin in etwas sehr Gescheitem, Aufregendem, Neuem. Wir können uns allerdings noch nicht entscheiden – ob es notwendig sein wird, gleich und alles anzuzünden oder doch eher …. Ja was eigentlich? Schlauer sein? Menschlicher und demokratischer? Ausharren? Mit Faschisten reden? Hat schon 1938 ganz toll funktioniert. Revolutionär zu sein und nicht alles anzuzünden wird in jedem Fall eher schwierig. Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.

Derweil findet mein Blick aber noch Schönes: Ich schreibe in einem wunderbaren Garten und blicke auf das wohlig und grundvernünftig schaukelnde Wasser. Es ist noch Sommer und ich bin noch da. Ich sortiere aus, ich miste aus. Trenne mich. Und merke, wie das Innere und das Äußere und die Liebe und die Politik plötzlich miteinander zu tun haben wie selten zuvor. Ich glaube nicht, dass ich in diesem Land bleiben kann, ebenso wenig wie ich in diesem Garten bleiben kann. Es hält mich nichts und niemand. Im Gegenteil macht es mich krank. Mitzuerleben, wie die Spekulanten und ihre dumpfe Klientel in diesen Stadtteil einfallen, alles niederreißen, was eine Geschichte erzählt und alle vertreiben, die diese Geschichte erzählen könnten, bricht das Herz. Mitzuerleben, wie Faschisten ihre alten Geschichten wieder auspacken und über dieses Land stülpen, den Verstand. Lobbyisten bekommen mit einem Fingerschnipp alles an Gefälligkeit (und mehr als sie zu träumen wagten, befürchte ich) vor die Füße gelegt, während anderen Grundlegendes verwehrt wird – Teilhabe und Zugang zu Kultur, Recht auf menschenwürdiges, selbstbestimmtes Wohnen und Arbeiten. In diesem Land regiert die Schamlosigkeit, mehr fällt mir dazu nicht mehr ein, außer: dank an alle, die bleiben, die aufstehen, die sich gegenseitig stärken und Kraft geben! Und passt verdammt nochmal auf eure große Liebe auf! Einmal verschissen, findet ihr sie ein Leben lang nicht mehr.

Da Rechte keinen Sinn für Zwischentöne, Anspielungen und Witz haben, halte ich fest, dass der Ausdruck „alles anzünden“ bitte schön nicht wortwörtlich zu nehmen ist. Niemand hier will irgendwas und schon gar nicht alles anzünden. Es ist ein in feministischen Kreisen gebräuchliches Wortspiel, das die empfundene reale Machtlosigkeit gegenüber den Zu- und Umständen gedanklich in etwas verwandelt, das von Erneuerung und Veränderung erzählt (Phönix, Asche, aus der). Bitte ggf. in einem Duden nachschlagen. Danke. (Anm. WH)

Dieser Text ist gedruckt in der aktuellen Ausgabe #13 der Zeitschrift Die Referentin zu finden:

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