Kritische Masse im Höhenrausch

Knapp 79.000 Besucher in 42 Tagen – das ist eine erste Bilanz des diesjährigen Höhenrausches in Linz. Zu Publikumslieblingen zählen auch solche Projekte, die sich eigentlich kritisch mit Öffentlichkeit und Masse auseinandersetzen.

erschienen am 8.8.2014 in der Tageszeitung Der Standard

„10.000 im ersten Monat!“ Leo Schatzl ist überrascht darüber, wie massetauglich seine Installation Hit It! ist. 10.000 Köpfe, die mittels Sprung gegen den orangen Ball eine Kamera auszulösen. So auch der Kopf der 12jährigen Tia, deren Verhalten dem entspricht, was Schatzl vor allem an Jüngeren beobachtet: „Manche wollen hüpfen, bis sie die für sie perfekte Pose einnehmen.“
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Fotos: Thomas Pichler

Kontrolle ist Hüpfen aber selten immanent und so bleibt ein Schnappschuss übrig, über den die meisten dann doch herzhaft lachen können. Man kann die Arbeit durchaus als eine aberwitzige Selfie-Parodie lesen, im schnellen Durchlauf verschwimmen die einzelnen, um Perfektion bemühten Posen ohnehin zu einem Massenportrait. 1999 baute Schatzl die Arbeit erstmals im Rahmen einer Ausstellung in Kanada auf. „Dort hüpften vielleicht zwanzig Menschen“, so der Künstler. Schatzl sieht im Hüpfen eine „Grundgeste, die man mit Höhe in Verbindung bringen kann“. Sich größer machen, ein Hindernis überwinden, aber auch Vitalität zum Ausdruck bringen – den Besuchern macht es sichtlich Spaß, es bildet sich erneut eine Menschenschlange. Schatzl lächelt, auch darüber, dass er eigentlich aus den Portraits eine weitere Arbeit machen wollte. Die wird nun wohl umfangreicher als geplant.
Auf dem Platz vor Hit It! steht der Kiosque – ein hellgrüner ehemaliger Steyr Daimler City Bus, aus dem Eis, Getränke und Brezen verkauft werden. Es ist bereits der dritte seiner Art, den die Betreiber des Kommunikationsprojektes an die jeweilige Situation anpassen. Aufschneiden und Dehnen mussten diesmal sein, erzählen der Künstler Gregor Graf und Architekt Christoph Weidinger, man brauchte Lagermöglichkeiten. Dass das Fahrzeug auf einem Parkdeck steht, das zur Höhenrausch-Zeit unbefahrbar ist, ist eine schöne Irritation, die die beiden mit einem auf überdachten Parkflächen geschaffenen Gastgarten samt „Krickerl“ an den Wänden noch vertiefen. Sie seien keine Gastronomen, betonen sie, sorgten nur für Infrastruktur und die Gestaltung des Umfeldes. Wichtig seien neben Essen und Trinken vor allem das Diskutieren jener urbanen Flächen im Zwischenraum von Öffentlichkeit und Privatheit, auf denen der Kiosque häufig zu finden ist. Anlässe dazu böte der Höhenrausch mit Parkgarage und gesponserten Flächen wie dem „Keine Sorgen Turm“ einer Versicherungsgesellschaft oder dem „voestalpine open space“ genug.

Anmerkung: leo Schatzls Arbeit „Hit it!“ wurde in Zusammenarbeit mit Christian Haas (Elektronik, Programmierung) und Markus Luger (Mechanik) entwickelt und hergestellt.

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