So eingebildet bin ich nun wirklich nicht! Ein Interview mit HR Giger

Interview mit HR Giger im Rahmen seiner Ausstellung als Featured Artist während der Ars Electronica im Kunstmuseum Lentos, Linz.

Erschienen in: Der Standard 31. 8. 2013

 

WH: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, das Malen sei Ihnen in den 1990er Jahren verleidet worden, wodurch wurde es ihnen verleidet?

HR Giger: Verleidet ist vielleicht der falsche Ausdruck; ich habe und will immer wieder neues schaffen, Bestehendes einfach zu wiederholen, egal wie erfolgreich es auch wäre, hat mich nie interessiert; viele Leute denken, alle meine Arbeiten wären etwa das Gleiche, wer sich aber die Mühe nimmt, mein Werk etwas genauer zu studieren, wird viele verschiedene einzelne Phasen erkennen.

Ende der 80er Jahre kam der erste Auftrag für eine Giger Bar in Tokio, anschliessend eine in Chur, 1998 habe ich bereits mein Museum eröffnet; ich habe vermehrt in der 3. Dimension gearbeitet und kam vor lauter Projekten, die ich hier nicht aufzählen kann, gar nicht mehr zum „klassischen“ Malen…

WH: Sie sind als Featured Artist heuer in Linz zu Gast, als ein „Schöpfer der Biomechanik in der Kunst“ – haben Sie sich auch Gedanken darüber gemacht, welche Teile ihres Körpers Sie gerne durch mechanische Teile ersetzt hätten? Was wäre womöglich gar funktionaler, ausbaufähiger, welche Verbesserungen generell würden Sie  am Menschen durchführen?

HR Giger: Verbesserungen sind natürlich eine gute Sache, wenn man besser sehen kann oder beweglicher ist, aber ich persönlich möchte eigentlich keine Teile tauschen lassen.

WH: Die Ausstellung im Lentos soll einen Überblick über ihre Entwicklung geben – worauf konzentrieren Sie sich also?

HR Giger: Die Ausstellung im Lentos Kunstmuseum konzentriert sich auf die Biomechanik, auf den biomechanischen Stil, den ich geschaffen habe, und auf Werke, die das Thema Biomechanik in Richtung Biotechnik weiterentwickeln, wie zum Beispiel meine Arbeiten für Alien. Die „Kunst der Biomechanik“ ist ein wichtiges Thema für mich und auch eines, das gut zu den Themen der Ars Electronica passt. Hier gibt es ja viele Cyborgs, sagt man mir. Andreas Hirsch, der Kurator, hat Werke ausgesucht, die nah am Thema „Mensch und Maschine“ bleiben. So sieht man die Entwicklung am besten.

WH: Sie sind in vielen unterschiedlichen Disziplinen und Genres erfolgreich – und haben auch die Filmgeschichte massiv beeinflusst, ein ästhetisches Geschmackempfinden kreiert – was aber sehen Sie als ihren persönlichen größten Erfolg als Künstler? Ist es der Oscar für Alien oder etwas ganz anderes?

HR Giger: Der Oscar für meine Arbeit für „Alien“ war sehr bedeutend für mich, weil er meine Bilder einem weltweiten Publikum bekannt gemacht hat. Nach Alien war mein Leben plötzlich anders. Ich weiß nicht, ob ich wirklich in vielen Genres erfolgreich war. Ich habe einfach meine Bilder und Zeichnungen gemacht und Objekte und Räume entworfen. Das ist alles.

WH: Haben Sie selbst eine Tätowierung? Wenn ja, ist es ein Giger?

HR Giger: Danke, so eingebildet, dass ich mir meine eigene Kunst auf die Haut stechen lasse, bin ich nun wirklich nicht! Nein, ich habe keine Tätowierung. Das überlasse ich meinen begeisterten Fans.

WH: In Österreich ist jeder fünfte Einwohner tätowiert – nicht wenige wahrscheinlich tragen eines ihrer Sujets auf der Haut – was bedeutet das für Sie als Künstler? Und wissen Sie, wie viele Tätowierer es gibt, die überhaupt in der Lage sind, einen aufwändigen Giger Haut die Haut zu malen?

HR Giger: Irgendwie fühle ich mich natürlich schon geehrt, wenn ich sehe wie viele Leute sich meine Werke tätowieren lassen; es freut mich schon, dass meine Kunst viele Leute so unmittelbar berührt, dass sie sie ein Leben lang auf ihrer Haut tragen wollen.

Ich wollte nie Kunst einfach nur für die vermögenden Sammler schaffen, die sich dann ein Bild ins Haus hängen, das dann nie mehr gesehen wird; deshalb habe ich meine Werke ja schon ab Ende der 60er Jahre als Poster veröffentlicht, obwohl das damals gar nicht gut ankam; insoweit können die Tatoos auch als Fortsetzung dieser Idee gesehen werden.

Komplexe und detaillierte Bilder sind nur etwas für echte Tattookünstler, aber da gibt es schon einige. Eine eindrucksvolle Kunst.

WH: Sie erzählten in einer Fernsehdokumentation, dass Sie selbst eigentlich gerne Musiker geworden wären. Nun es gibt es etliche Plattencover mit ihren Sujets – durchaus auch von Bands aus dem Metal und Grindcore Genre. Auch der Mikrofonständer des Sängers der Band Corn etwa ist ein Giger – wäre das auch ihre Musikrichtung gewesen, wenn Sie selbst Musiker geworden wären?

HR Giger: Nein, nein, das ist immer ein grosses Missverständnis; ja, es stimmt, ich wollte Musiker werden, aber die meisten meiner Bilder sind zu Jazz- oder allenfalls Boogie-Woogie-Musik entstanden; als Jugendlicher habe ich selber Jazz gespielt. Gerne hätte ich z.B. für Miles Davis ein Cover gestaltet, leider ist er dann viel zu früh gestorben

 

HR Giger ist am 12.Mai 2014 74jährig in Zürich verstorben

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