Von Widerständen / Gastbeitrag von Karin Wagner

Dieser Text erreicht mich am Abend des 17.12.2017, am Vorabend der Angelobung der schwarzblauen Regierung. Die Musikwissenschafterin und Buchautorin Karin Wagner hat ihn verfasst und geschickt mit dem Angebot, ihn zu veröffentlichen. Ich tue das außerordentlich gerne und bedanke mich herzlich dafür. Über Widerstände zu sprechen, an widerständige Menschen zu erinnen und die eigene Bereitschaft zum Widerstand auszuloten halte ich aktuell für eine der vordringlichsten Aufgaben von Bürger_innen einer europäischen Republik.

Von Widerständen

TEXT: Karin Wagner / Foto: Margit Harruk

Rechtsruck in Österreich unter der Führung zweier Figuren, die oft schwer zu erkennen geben, wer die Marionette des jeweils anderen ist. Nach einem Wahlkampf der Superlativen an Oberflächlichkeit und Phrasendrescherei gleich einer Nullrunde an Inhalten, die aber immer wieder beim Wort „Migrant“ endet. Auch eine Kunst für sich. Die Regierungsbildungs-Show läuft nun im Dauersmile, die salbungsvollen Handgesten der Protagonisten ähnelt einander frappant ‒ etwa derselbe NLP-Kurs? Es wird zurück-reformiert auf allen Ebenen, die längst fällige Bildungsreform kulminiert im Siegeszug der fünfstufigen Notenskala. Leistung will gemessen sein. An der Ehe für alle beisst die FPÖ sich die blau-braunen Zähne aus ‒ dafür aber winken Schlüsselministerien. Und Schlüssel sind wichtig, denn damit sperrt man bekanntlich Türen zu und „Fremdes“ aus. Wenn es nicht unsere traurige Realität wäre, so könnte man ja darüber lachen. Das Wort „Heimatschutz“ schießt mir in den Kopf, als es anfängt, in den Medien zu kursieren. Das „Heimatministerium“ ruft nach seinem Minister! Natürlich denke ich an die „Heimwehr“ (auch „Heimatschutz“ genannt), die in der Zeit zwischen den großen Kriegen ein paramilitärisches Bollwerk gegen die Linken, die Sozialdemokratie, die jüdische Bevölkerung, gegen generell Unliebsames und gegen das „Fremde“ war. Das alles und vieles mehr rüttelt in mir. Ich könnte in jedes einzelne Thema und in viele andere noch mehr hinein gehen (wie war das mit dem amerikanischen Vorbild? „great again“ und so?), aber ich beschließe, in die Vergangenheit zu blicken. In die Zeilen eines politisch denkenden, geistreichen Wider-Streiters und menschlich agierenden Unorthodoxen (wie er sich selber bezeichnete), dessen Erinnerungen sich unter dem mir sympathischen Titel Widerstand ist alles lesen. Die Rede ist von Viktor Matejka (1901‒1993). Studierter Historiker, später Journalist, Filmtheoretiker und „Volksbildner“, der in der Zwischenkriegszeit an den Wiener Volkshochschulen tätig war und nach dem Zweiten Weltkrieg als kommunistischer Stadtrat für Kultur und Volksbildung über die Parteien hinweg das Wiener Kulturleben wieder aufbaute. Matejka operierte originell, konzis und stringent. Seinen kurzweiligen wie mächtigen Worten nachgehend, wird mir wieder einmal mehr klar, wie wichtig persönliche Aufzeichnungen sind, wie unmittelbar damit Geschichte vermittelt wird. Matejka war in Dachau. Mit dem sogenannten „Prominententransport“ wurde er nach dem „Anschluss“ im April 1938 dorthin deportiert. So dunkel, kristallen klar und ernüchternd die Beschreibungen zur Abgründigkeit der Todesmaschinerie Dachau sind ‒ so amüsant und kurzweilig lesen sich die Erinnerungen an die Gymnasialzeit und Episoden des studentischen Lebens. In Dachau hielt Matejka sich einen Rest von Leben über den Aufbau der „Lagerbibliothek“ aufrecht. Karl Kraus war Schmuggelware. Über seine „Pickbücher“ ‒ darin sammelte er aktuelle Schlagzeilen zur Kriegsführung ‒ ging er nach außen hin konform mit der Naziideologie. Doch durch das Aneinanderreihen all der Lügenpropaganda leistete er Widerstand: Für diejenigen, die wussten, die Nazi-Botschaften in der Gegenrichtung zu lesen. Vor März 1938 bemühte Matejka sich international um Friedensverhandlungen. Dann kam der Bruch. Am 7. Juli 1944 wurde er aus Dachau entlassen. Es gibt kein Zuviel an solchen Erinnerungen ‒ und es darf auch nie deren Ende geben. Tu felix Austria ‒ was zeigt mir das Parallelbild: November 2017. Es ziehen so viele deutschnationale Burschenschafter in den österreichischen Nationalrat ein wie nie zuvor. Sie verweigern im Parlament als Abgeordnete der FPÖ demonstrativ den Applaus zum Gedenktag an die „Reichspogromnacht“ vom 9. November 1938. Mir wird übel, als ich das höre. Ich kann es nicht fassen. Die Bilder bestätigen es. Leider finden viele Menschen in Österreich Gefallen an dieser Partei, an diesem Gehabe, an diesem Getue, das sehr gefährlich ist. Nein, einfach alles als nationalsozialistisch zu bezeichnen, das wäre viel zu simpel: Aber völkisch, deutschnational, antidemokratisch ‒ das ja. Matejka zu lesen, berührt mich. Sein Name begegnete mir immer wieder in der Beschäftigung mit Wien nach 1945. Erst jüngst in der Frage zur Remigration von im Nationalsozialismus vertriebenen österreichischen Kunstschaffenden. Gegen den Widerstand der österreichischen Regierung holte Matejka nach 1945 mit nur bescheidenem Erfolg vertriebene ÖsterreicherInnen aus dem Exil zurück ‒ aber mehr als Menschen holte er sich dabei die „kältesten Füße seines Lebens“. Die Wichtigkeit des Buches Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen möchte ich herausstreichen ‒ Humor, Intellekt, Vehemenz und Beschreibungsgabe in jeder Hinsicht zeichnen es aus. Daneben wirkt die Realität in Österreich noch roher und grausamer. Oft stockt mir der Atem. Doch „eins zu eins“-Vergleiche mit den 30er Jahren finde ich auch gefährlich; da sie nicht ganz stimmen, sind sie angreifbar und fallen ins Nichts. Und damit geht der Blick für die tatsächliche Wiederholung vieler Muster der 30er Jahre verloren. Vor Matejkas Widerstand kann man nur den Hut ziehen und allerhöchsten Respekt zeigen. Er leistete Widerstand in Extremsituationen. Daher empfehle ich dieses Buch und danke dem Autor dafür im Nachhinein.

 

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