Meer der Stille / Nicole Six und Paul Petritsch in der oö. Landesgalerie

http://derstandard.at/2000002188816/Mit-Kepler-und-Amundsen-gegen-das-unversehrte-Schoene

Nicole Six und Paul Petritsch umrunden in einer retrospektiven Schau in der oberösterreichischen Landesgalerie die Welt, hacken ins Eis und übertragen Spuren vom Mond auf die Erde. In Bezug gesetzt zu einer frühen Science Fiction Geschichte von Johannes Kepler.

Fiktion als jahrhundertalte Sehnsucht: bereits 1609 verfasste der Astronom Johannes Keplers eine Schrift, die den Titel „Der Traum, oder: Mond-Astronomie“ trägt. Eine frühe Science-Fiction Geschichte, in der Kepler sowohl Schwerelosigkeit als auch eine Mondlandung beschreibt. Mittlerweile sind die Spuren des Menschen auf der Mondoberfläche eingraviert, hat sich der Mensch zumindest dieser Fiktion beraubt und sie durch Realität ersetzt. Die Spuren, die der Mensch nach der ersten Mondlandung im „Meer der Stille“ hinterlassen hat, übertragen Nicole Six und Paul Petritsch in das zarte Grün einer Kärntner Alm. Kühe grasen rund um das eigentümliche Wegegeflecht, das – wer weiß – sogar vom Mond aus gesehen werden könnte. Die Erfindung des Fernrohrs begründete Keplers Geschichte, die nun wie einige andere Objekte aus der Sammlung der Landesgalerie in die eigene Schau aus Versuchsanordnungen verflochten und verwoben wird. Versuchsanordnungen, in denen die Künstler Momente der Gefährdung oder des Entzugs suchen. Etwa wenn Paul Petritsch auf dem gefrorenen Neusiedler See stehend rund um sich ein Loch ins Eis hackt. 28 Minuten dauert das Video „Räumliche Maßnahme“ aus dem Jahr 2002 – ebenso lange braucht Petritsch, um „den Raum“ um sich herum „zu öffnen“, also im Wasser zu versinken. Die Projektion des Videos in einem eigens dafür geschaffenen Raum vermittelt auch ob der ästhetischen Sorgfalt, mit der Kameraposition und Bildausschnitt gewählt wurden eine Atmosphäre, in der es nicht nur um augenscheinliche Selbstgefährdung und Kontrollverlust geht, sondern auch um die Demontage und Zerstörung eines Bildbegriffs, der von Unversehrtheit und Schönheit spricht. Es ist diese Bereitschaft, sich als Künstler einerseits zu gefährden, andererseits aber einem daraus entstehenden ästhetischen Anspruch zu misstrauen, gepaart mit maximalem Anspruch wenn es um die Präzision der Durchführung ihrer Versuche geht, die auch diese Schau des Künstlerduos spannend macht. Die bleibt ja – wenngleich Kepler, die Mondfahrt und Sammlungsobjekte als neues Bezugssystem verwendet werden — eine retrospektive.
Die Grundausrichtung bleibt dabei stets die gleiche: Nicole Six und Paul Petritsch wollen sich selbst als Künstler und Körper vermessen, in Bezug stellen zu umgebenden Räumen und teils selbst geschaffen Situationen, die durchaus als grenzüberschreitend und gefährlich beschrieben werden können. Mehr noch – so verdeutlicht es Nicole Six – sind sie und Paul Petritsch in den Arbeiten auf der Suche nach ihrem eigenen Verschwinden, oder nähern sich dem Verschwinden wenigstens an. Wunderbar veranschaulicht mit dem konzeptuellen Projekt „Atlas“ aus dem Jahr 2010: Im Wunsch, die Erde zu umrunden, finden die beiden eine aufgelassene Rennstrecke in einem Ort nahe dem Nullmeridian. Mit einem Motorrad befahren sie die 2 Kilometer lange Rennstrecke, so lange, bis eine Umrundung – also 40.000 Kilometer unter Einbeziehung von Erdrotation und der Rotation der Erde um die Sonne – geschafft ist. Auf Notizblöcken wird für jede gefahrene Runde ein Strich gezogen – in der Landesgalerie ist eine Wand vollgehängt mit Kopien dieser Zettel. Außerdem belichtet eine Lochkamera pro Bild 24 Stunden – auf den dadurch entstanden Polaroids ist zwar der Weg der Sonne als Streifen am Himmel zu sehen, nicht mehr (weil dann doch zu schnell) allerdings die Künstler auf ihrem Moped.
In der Arbeit „Intervention für 24 Stunden“, ebenfalls aus dem Jahr 2010, „verschwand“ Nicole Six in einem Hohlraum in der Wiener Secession. In der Landesgalerie zu sehen sind die Ziegel aus diesem Hohlraum. Als Skulptur repräsentieren sie die minimale Ausdehnung des eigenen Körpers und steht so kontrapunktisch zur maximalen Ausdehnung eines Körpers während einer Weltumrundung.
In manchen Arbeiten allerdings nehmen sich Six/Petritsch maximal zurück: etwa mit der sechsteiligen Serie von Zeichnungen, auf der kaum sichtbar mit Bleistift die Reiserouten verschiedene Polfahrer wie Ernest Henry Shackleton oder Roald Amundsen festgehalten sind. Ein „Nichts“, ein Abgrund, eine Reise ans Ende der Welt, ein zarter Strich auf Papier – eine Geschichte, die sich zwar erzählt, aber nicht sofort entschlüsselt und damit entmystifiziert.
Nicole Six und Paul Petritsch
Das Meer der Stille
oö. Landesgalerie
bis 14.9.2014
http://www.landesgalerie.at

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