Tanzen von nun an für sich selbst / Sister Lucy und ihr Frauen-Projekt „Maher“

…eine perfekte, anmutige, selbstbewusste Art sich zu bewegen…

Der laute, schnelle Bass dehnt sich ab elf Uhr im Haus aus. Vormittag. Ausgehend vom Atrium zieht sich die Musik hinauf in den ersten Stock, flieht aus den Fenstern und Türen ins Freie, in den heißen, trockenen, surrenden, flirrenden Sommer-Vormittag. Einige junge Männer waren davor etwa eine Stunde damit zugange gewesen, vier Lautsprecher in den Ecken des Atriums zu montieren. Kurzer Test – Wumm-wumm-wumm-wumm! Jene Frauen, die ohnehin den Großteil des Tages auf dem kühlen Boden sitzend verbringen, schauen zu, erheben sich, langsam, ruhig. Saris und Schürzenkleider – in wunderbar fröhlichen, kindlichen Farben. Manche Frauen tragen bunte Kinderspangen im Haar. Eine Kindheit, die nicht endet. Eine Schutzhülle, aus der man sich nicht mehr fortbewegt, ein „Unter den Tisch Kriechen“ und sich verstecken, ein krampfhaftes Festhalten an der eigenen Kleidung, an der gezerrt wird. Gezerrt wurde. Kein Sprechen. Worüber auch. Worte fehlen, Bewegung und Ablenkung treten an ihre Stelle. Der Mix aus indischer Folklore und Disco oder House-Beat ist mitreißend. Andere Frauen kommen dazu, aus dem Garten, aus den Schlafsälen, Kinder, die heute nicht zur Schule gehen, kommen herbei und setzen sich unbeschwert tanzend in Szene. Eine perfekte, anmutige, selbstbewusste Art sich zu bewegen. Die Frauen sind unter sich, ich bin unter ihnen, beobachte, versuche mit mäßigem Erfolg, mich an ihrem Tanz zu beteiligen. Manche lächeln milde, manche nehmen nicht einmal Notiz von mir. Sie sind für sich. Die Frauen sind in ihrer Bewegung keinen fremden Blicken ausgesetzt. Sie sind in Vatsalyadam für sich und sie selbst. Ich mag Vatsalyadam. Mag es vom ersten Moment an. Fühle mich zu Hause. Alles hier ist so, dass man sich auch als völlig Fremde einfühlen kann, ein System, das sich richtig, stimmig, gut anfühlt. Eine Insel, ein Haus voller Menschen, die beschädigt, geschändet, verachtet, nicht richtig ernährt worden sind. Oder zur Arbeit genötigt wurden, als sie zur Schule hätten gehen sollen. „Bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich in Garagen Autos gewaschen.“ – dieser Satz tönt immer noch und immer wieder im Ohr, ein Satz, mit dem der heute 21jährige Gaus Shabbir Sayyad seine Kindheit beschreibt. Erst nachdem er zu Maher kam, konnte er die Schule regelmäßig besuchen. Er hat nun sein Studium mit einem MBA abgeschlossen.)
…BIS. zu meinem siebten Lebensjahr…
Und dennoch ist Vatsalyadam, jenes der 27 Maher-Häuser, das ich näher kennenlernen konnte, ein Haus, in dem sich kein einziges Opfer findet. Das liegt an Sister Lucy, an ihren Mitarbeiterinnen, die eher Mitstreiterinnen sind und an Hirabegum Mulla, der Präsidentin von Maher. Sister Lucy Kurien errichtet und betreibt viel mehr als ein Hilfsprojekt. Sie errichtet ein Modell einer Gesellschaft, das vielen Männern nicht gefallen wird, nicht gefallen kann. Nicht nur in Indien. Die Forderung nach Gleichheit, Interreligiosität und nach dem Überkommen eines Systems, in dem Reichtum und Bildung qua Geburt weitergegeben werden, ist schließlich keine spezifisch indische.
Lucy Kurien errichtet einen Ort der Sehnsucht: nach Ruhe, nach Bildung, danach zu vergessen, danach unter Gleichen zu leben und zu kommunizieren. Ohne Worte. Mit Erinnerungen, die mit jedem Blick nach außen dringen, nicht um sich zu manifestieren sondern um im Gegenüber auf eine Erinnerung zu treffen, die von nun an (und wahrscheinlich nur) gemeinsam erfassbar und erträglich wird.
Dass die Situation für Frauen in Indien eine schlechte ist, davon erzählen auch in Europa Medien. Um das herauszufinden müssen wir nicht nach Indien reisen. Wohl aber, um auf Frauen wie Sister Lucy und Hirabegum zu treffen, die Tag und Nacht arbeiten, telefonieren, mit Frauen sprechen, Briefe und Unterschriftslisten verfassen und an Politiker schicken, Demonstrationen organisieren, Frauen spätnachts baden und entlausen, wenn diese vor den Türen von Häusern wie Vatsalyadam abgegeben werden. Ja, sagt Sister Lucy, speziell für jene Frauen, die in Slums leben und in den Dörfern, ist Indien kein besonders sicherer Ort. Auch nicht für alte, arme und beeinträchtigte Frauen. Und mittlerweile auch nicht mehr für Frauen aus gebildeten, wohlhabenden Familien. Der Fall jener Studentin, die in New Delhi im Dezember 2012 vergewaltigt und ermordet wurde, kam in die Medien, weil die junge Frau eine gut gebildete war und aus einer wohlhabenden Familie stammte. „Wer hätte wohl berichtet und aufgeschrien, wäre erneut eine arme Frau vergewaltigt und ermordet worden?“ fragt Sister Lucy und erzählt, von den 17 „unwed mothers“, die allein im Dezember 2012 in einer Maher Einrichtung aufgenommen wurden. „Unverheiratete Mütter“ – die Beschreibung einer Lebenssituation, die in Europa kaum noch eine Frau schutzbedürftig machen würde. In Indien beschreibt der Begriff allerdings selten eine freiwillige, bewusste Entscheidung. „Arme Eltern, deren Töchtern derartiges zustößt, schreien nicht auf, denn sie haben nichts außer ihrem guten Namen, ihrer sozialen Reputation – und die verlieren sie, wenn bekannt wird, dass eine ihrer Töchter unverheiratet schwanger wurde.“ Unverheiratete Schwangere als Schande für die gesamte Familie, unabhängig davon wie es zur Schwangerschaft gekommen ist. Unantastbare Tabus und äußerliche Unversehrtheit, deren Aufrechterhaltung nicht wenigen jungen Frauen das Leben kostet – die fragwürdigen Stützen eines patriarchalen Systems.
…Nichts…
Ebenso fest krallt sich das Establishment an ein Kastensystem als ständestaatliches Ordnungs- und Herrschaftsinstrument. Nichts. Nichts werde sich ändern, so Sister Lucy, solange nicht die Kasten aus dem offiziellen Meldesystem verschwunden seien. Als sie mit Maher begann, weigerte sie sich einfach, neben den Namen derer, die Schutz und Hilfe suchten, auch noch Kasten- und Religionszugehörigkeit anzufügen. Dann aber wurde ihr Meldesystem von Beamten kontrolliert. Inakzeptabel. Keinesfalls. So nicht. Niemals. Man drohte der Schwester damit, ihr die Lizenz zum Betrieb der Einrichtung zu entziehen. Das wollte sie keinesfalls riskieren.
Die beiden Monalis möchten Police Officer oder Army Officer werden. Monali und Monali sind zwei 16jährige Mädchen, die in einem von Maher betriebenen Haus im Dorf Kendur leben. In Maher können die Mädchen alles werden. Und eine Zukunft anstreben, die so nicht für sie vorgesehen war. Hira bestätigt, dass der Berufswunsch der Monalis gar nicht unerfüllbar sei: die Regierung setze gerade jetzt, da die Vergewaltigungen auch außerhalb von Indien bekannt werden auf weibliche Polizisten. Gut, aber lange nicht genug. Auch in Indien, sagt Sister Lucy, müssten viel mehr Frauen in Führungspositionen vorrücken, das brächte vielleicht eine Veränderung. „Ich bin nicht gegen Männer, ich träume immer davon, mit Männern zusammen zu arbeiten, auf gleicher Ebene. Aber solange die Situation ist wie sie ist, ist das kaum möglich.“ Viele Männer würden einfach nicht akzeptieren, dass Frauen gleichwertig sind. deshalb muss der Zugang zu Bildung forciert werden. Einerseits um junge Frauen zu stärken und auszubilden. Andererseits um schon Buben klar zu machen, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Aber: es perpetuiert sich stets das alte, patriarchale System.
…Ein Stillstand, wir kommen einfach nicht voran…
Ein seltsam frustrierter Satz aus dem Mund der energetischen, optimistischen Frau. Aber eben auch aus dem Mund einer realitätsnahen Frau. Wie oft haben sie und ihre Mitstreiterinnen schon Forderungen danach erhoben, das Kastensystem wenn schon nicht abzuschaffen, dann doch in der Schule in seinen negativen Auswirkungen zu thematisieren. Ebenso wie Religionen und ihr Beitrag zu Repression und Stigmatisierung. Die Lehrinhalte zu reformieren. Aufklärungsunterricht in den Schulen anzubieten.
Ein diesbezügliches Memorandum wurde erst kürzlich von Tausenden unterschrieben und an alle politisch Verantwortlichen geschickt. „Aber bis jetzt (5.3.2013, Anm. Red.) haben wir keine Antwort erhalten. Wir warten.“
Während sie wartet, geht Sister Lucy auf die Straße. Erhebt gemeinsam mit Hirabegum Mulla Stimme und Faust, um beim Womens Walk zum internationalen Frauentag hunderte von demonstrierenden Frauen auf die notwendigen Forderungen und Parolen einzuschwören. Die geistig beeinträchtigten, traumatisierten Frauen aus Vatsalyadam nehmen ebenso teil wie die Frauen, die im Altersheim Schutz gefunden haben. Ebenso wie die Mädchen aus Kendur, und junge Studentinnen und Studenten, die in Maher geboren wurden, Kinder der „unwed mothers“. Kinder aus den Slums. Kinder, die in Garagen Autos wuschen. Junge Menschen, denen kaum ein besonders langes Leben prognostiziert wurde, geschweige denn eine universitäre Ausbildung. Maher ist demzufolge weitaus mehr als ein Hilfsprojekt: es ist die mögliche Zukunft eines politischen Systems, einer sich nicht mehr in Balance befindlichen globalen Gesellschaft, die sich austariert. Menschen, denen ein herrschendes System nur eine Rolle als Objekt zugeschrieben hatte, nehmen diese Stigmatisierung nicht länger hin, sondern entwickeln sich zu gebildeten, selbstbewussten Menschen. Schreiben ihre Geschichte um. Und tanzen ganz einfach nur noch für sich.

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