Das Eis brechen

Das Lentos Kunstmuseum Linz zeigt zeitgenössische Kunst aus Russland und Österreich, die sich mit dem legendären Atomeisbrecher Lenin auseinandersetzt. Ebendort war die Schau im Vorjahr zu sehen.

Es gibt ein Altersheim für Atomeisbrecher. Das russische Staatsunternehmen Atomflot, das die aktiven Atomeisbrecher betreibt, kümmert sich in einem Hafen in Murmansk auch um jene, die außer Dienst gestellt wurden. Der erste dort war die Lenin. Nach über dreißig Jahren beendete dieser erste Atomeisbrecher der Welt seine Tätigkeit. 1957 lief er vom Stapel, seit 1989 liegt er in Murmansk vor Anker. Ohne Brennstäbe und zum Museum ausgebaut, allerdings mit jederzeit einsatzfähiger Besatzung samt Kapitän. Der hat in dieser Funktion auch „Njet!“ gesagt, als anlässlich der Kooperation zwischen Lentos und dem Österreichischen Kulturforum Moskau Helmut und Johanna Kandl in den abhörsicheren, holzvertäfelten Räumen der Lenin eine fiktive „Spione-Konferenz“ stattfinden lassen wollten. Im Lentos reagiert das Künstlerpaar statt auf Spionage mit seiner Arbeit also auf russische Zensur.

Stella Rollig kuratierte die österreichischen Positionen auf Einladung von Simon Mraz, Direktor des österreichischen Kulturforums Moskau – eine Einladung, die sie, wie Rollig betont, ohne zu Zögern angenommen hatte. Schließlich gehe sowohl vom Wort „Atomeisbrecher“ als auch von „Murmansk“ eigentümliche Faszination aus. Österreichische und russische Kunstschaffende reflektieren nun dieses ambivalente wenngleich unbestritten einzigartige Wunderwerk, das – atomar betrieben und mitten im Kalten Krieg vom Stapel gelassen – gleichermaßen Bedrohung wie Identitätsstärkung war. Das Duo G.R.A.M. schafft eine ihrer Re-Inszenierungen bekannter Fotografien und zeigt Lenins einbalsamierten Leichnam. Sonia Leimers Rauminstallation „Neues Land“ setzt mittels historischer Artefakte bei der Selbst-Historisierung des Eisbrechers an. Die Russin Maria Koshenkova zersägt eine Lenin Büste – eine Hälfte bleibt aus Bronze, eine gläserne Hälfte ergießt sich daneben an schmelzendes Eis erinnernd auf den Vitrinenboden. Alexander Lysov baut aus 122 Infrarotlampen ein kugelförmiges, sich einer Deutung entziehendes Objekt. Außerdem sind Arbeiten u.a. von Judith Fegerl, Isa Rosenberger oder Alexander Povsner zu sehen: er zeigt zwei Bronzegüsse – ein abstrahiertes Schiff und einen Anker – beide liegen wie absurd überdimensionierte Schlüsselanhänger einfach nur da. Wie gestrandete, ihrer Funktion beraubte Objekte, die sich quasi in einem veränderten Kontext erst zurecht finden müssen.

Lenin: Eisbrecher
Lentos Kunstmuseum Linz
bis 25.5.2014
http://www.lentos.at

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Print veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s