Der Tumor in diesem Körper – Interview mit dem Filmemacher Mano Khalil

Der Regisseur und Produzent Mano Khalil lebt seit 16 Jahren in der Schweiz. In seinem aktuellen Dokumentarfilm „Der Imker“ erzählt er von Ibrahim Gezer, ein Flüchtling in der Schweiz, der sich trotz vieler Hürden Würde, Respekt und Vertrauen nicht nehmen lässt. Nun ist ein Teil von Khalils Familie plötzlich selbst mit dem Status „Flüchtling“ konfrontiert, sein Bruder floh mit Frau und fünf Kindern aus Syrien in ein irakisches Flüchtlingslager. Das Interview wurde Anfang Dezember 2013 geführt. Mano Khalils Bruder ist mittlerweile gemeinsam mit seiner Familie in der Schweiz angekommen.

www.derimker.ch

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Herr Khalil, wie geht es ihrem Bruder?

Gut, ich habe heute mit ihm telefoniert, auch mit seiner Frau und den Kindern. Momentan warten sie alle auf die Reise in die Schweiz, sie sollten bis Ende nächste Woche da sein. Im Flüchtlingslager ist es sehr kalt geworden und es hat zu regnen begonnen. Es ist sehr schwierig geworden.

Sie haben ihren Bruder und die Familie im Flüchtlingslager im Irak besucht, wie erleben Sie die Situation im Lager?

Ich war Mitte November dort, ich habe auch im Lager geschlafen. es gibt dort alleine Tausende von kleinen Kindern, die niemanden haben und ich wusste – ich kann ihnen nicht helfen. Ich wusste, ich kann nur meiner eigenen Familie helfen und versuche, sie aus dem Lager zu bringen. Mit Hilfe der Schweizer Regierung ist es nun doch geglückt. Wenn man gleich zu Beginn des Konfliktes geholfen hätte, hätte es gar nicht so weit kommen müssen.

Sie sind selbst mittlerweile Europäer – verstehen Sie, warum sich Europa so fürchterlich schwer tut angesichts der Flüchtlingsproblematik?

Ich verstehe die Schweizer Regierung schon ein wenig. Es sind Tausende, die aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, dazu die katastrophale Situation in Lampedusa. Und man weiß, man kann nicht 24 Millionen Syrer nach Europa bringen. Das Fürchterliche daran ist: in Syrien herrschte keine Not, es gab keinen Hunger – die Menschen wollten Freiheit und sie wollten frei leben, aber: niemand hat ihnen dabei geholfen. Und nun ist es zu spät. Es ist wie ein Krebsgeschwür, wir hätten diesen Tumor von Anfang an entfernen müssen. Aber es war niemand daran interessiert. Und nun steht man vor dieser Flüchtlingssituation. Die Schweiz nimmt ein paar auf, Länder wie Österreich 500, das ist ein Tropfen im Meer. Wer sind denn diese 500? Wer bestimmt das? Es sind Tausende in den Flüchtlingslagern, und diese Lager, das sind Orte von Gewalt und Not, völlig überfüllt mit hoffnungslosen Menschen, die nichts zu tun haben außer zu warten. Manchmal von morgens bis abends nur darauf, ein Stück Brot zu bekommen.

Ein Thema ihres aktuellen Films trifft auch hier und wahrscheinlich auch auf ihren Bruder zu: Ibrahim Gezer ist in seinem Dorf in der Türkei ein hochgeachteter Mann, er lebt gut, hat einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet. Aufgrund des politischen Engagements drei seiner Kinder muss er fliehen und plötzlich wird ihm in der Schweiz dieser Stempel Flüchtling aufgedrückt. Darauf und auf die gesellschaftlichen Konsequenzen war er nicht vorbereitet. Genau so muss es jetzt vielen Syrern und Syrerinnen gehen.

Ich selbst bin ja seit ca. 27 Jahren in Europa, habe in Bratislava Filmregie studiert und lebe seit etwa 16 Jahren in der Schweiz, hier in Bern. Nach Syrien konnte ich nicht mehr, dort habe ich einen einzigen Film gedreht, dann musste ich das Land verlassen. Mein Bruder ist in Syrien geblieben, er führte ein normales Leben, ein gutes Leben. Weder er selbst noch ich hätten daran gedacht, dass er jemals ein Flüchtling werden würde und ich ihm helfen müsste! Plötzlich aber mussten mein Bruder  und seine Familie innerhalb von zehn Minuten fliehen. Sie haben praktisch alles zurückgelassen: Erinnerungen, Fotos, Kleider, Vermögen, er musste alles zu Hause lassen – dort wo dieses zu Hause jedenfalls war, denn es existiert nicht mehr. Und das ist tatsächlich wie im „Imker“. Auch er hat niemals damit gerechnet, nie gedacht, dass er jemals flüchten muss. Und ich habe nie gedacht, dass ich meinem Bruder einmal würde helfen müssen.

Es gibt eine Szene, die deutlich macht, wie viel man in so einer Situation vor allem an Würde verliert: als der Imker wegen seines Berufes in einer Fabrik Schweizer Kräuterbonbons einpacken „darf“. Er sei doch so gerne an der Natur, sagt der Beamte noch wohlmeinend zu ihm.

Genau das wird jetzt womöglich auch mein Bruder durchmachen müssen: Er ist jetzt einmal in Sicherheit – aber was kommt danach? Ich befürchte, dass er nicht so rasch nach Syrien zurückkann und ich bin sicher, auch er wird in einem Beschäftigungsprogramm arbeiten müssen, damit er und seine Familie heißes Wasser und warmes Essen haben. Aber das ist dann auch alles. Darüber hinaus gibt es wenig. Und darauf war ja auch mein Bruder nicht vorbereitet, er hätte nie daran gedacht, dass er einmal sein Land und seine Freunde würde verlassen müssen, alles zurücklassen würde muss, um hier in einem „Beschäftigungsprogramm“ zu arbeiten. Ja, hier wiederholt sich die Geschichte, das ist im Grunde, was ich in meinem Film beschrieben habe.

Sie sind syrischer Kurde, welche Rolle spielen Kurden in diesem Konflikt? Dachten die Kurden, sie könnten sich möglichst lange heraushalten?

Zwar sind die Kurden in Syrien als Minderheit Repressionen ausgesetzt. Gleichzeitig ging von den Kurden für Assad nie eine Gefahr aus. Als nun die Aufstände gegen das Regime begannen und Menschen für Freiheit und Demokratie auf die Straße gingen, da sah Assad auch eine Chance für sich darin, diese Auseinandersetzung rasch zu einem „Bruderkrieg“ zu machen. Er spielte Gruppen gegeneinander aus, versprach syrischen Kurden etwa, ihre Dörfer nicht anzugreifen und so weiter. Und ja, viele Kurden dachten, sie könnten sich heraushalten aus diesem Konflikt, vor allem aber wollten sie nicht gemeinsam mit Islamisten kämpfen. Deshalb hieß es, die Kurden seien auf der Seite des Regimes. Aber mittlerweile geht es ohnehin längst nicht mehr um das syrische Volk und die Freiheit in Syrien – mittlerweile kämpfen islamistische Terroristen aus Pakistan, aus Afghanistan, Saudi Arabien, Jemen und Taliban Krieger von einer Seite und auf der anderen Seite Terroristen der Libanesischen Hizb Allah und Irakische Milizen gegen dasVolk.

Wie kann es weitergehen in Syrien? Gibt es überhaupt eine Lösung?

Da komme ich zurück auf den Vergleich Syriens mit einem schwer krebskranken Menschen: niemand weiß, ob es ein Medikament geben wird, das diesen Krebs noch stoppen kann. Ich persönlich sehe schwarz, ich bin sehr pessimistisch, sehe Syrien als ein Kind des Libanon – es wird wohl eingeteilt in Regionen und unter Stammesvölkern aufgeteilt. Ich habe die Befürchtung, Syrien könnte das Somalia des Nahen Osten werden.

Der Imker ist sehr erfolgreich auf Festivals in Europa aber auch außerhalb gelaufen – wie waren die Reaktionen etwa auf Festivals im Nahen Osten?

Vor wenigen Wochen hat er auf einem Festival im irakischen Kurdistan einen Preis gewonnen, außerdem lief er im Amman und war für Dubai vorgesehen – bislang bekam er sehr gute Kritiken in arabischen Medien. Es ist ein Film, der eine Gesellschaft zeigt, in der man sich respektiert, der zeigt, wie ein Zusammenleben trotz aller Unterschiede funktionieren kann.

Können Sie sich vorstellen, auch die Situation Syriens – die ja auch die ihrer eigenen Familie ist – filmisch zu bearbeiten?

Doch, ja, ich habe auch schon vorgefühlt und habe eine Idee. Ich arbeite allerdings bis Mai 2014 noch an einem anderen Projekt, einem Spielfilm. Aber ich möchte auf alle Fälle über Syrien einen Film machen, ich warte ja darauf, nach Syrien zurückgehen zu können.

Wann wird das sein?

Das ist noch nicht absehbar – aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wie gesagt, die einzige Chance wäre gewesen, gleich zu Beginn der Aufstände einzugreifen, das syrische Volk in seinem Freiheitskampf zu unterstützen. Nun ist der Tumor zu groß geworden in diesem Körper, der Syrien heißt.

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Mano Khalil wurde 1964 im kurdischen Teil Syriens geboren. Studium an der Universität Damaskus (Rechtswissenschaften und Geschichte), von 1987-1994 Regie an der Film- und Fernsehakademie (Vysokà škola mùzickych umenì-filmova a Televizna fakulta) in der ehemaligen Tschechoslowakei. Seit 1996 lebt er als Regisseur und Produzent in der Schweiz. Sein aktueller Dokumentarfilm „Der Imker“ wurde u.a. mit dem Prix de Soleure bei den Solothurner Filmtagen 2013 ausgezeichnet.

 

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