Ein Weltenbetrachter, irgendwie

Schauspielerin Isabelle Huppert hat für eine Ausstellung in der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac über 100 Werke des 1989 verstorbenen Fotografen Robert Mapplethorpe ausgewählt. Sie ist nach Bob Wilson und Sofia Coppola der dritte Star, dem die New Yorker Robert Mapplethorpe Foundation Zugang zum Oeuvre gewährte. Eine teilweise sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Werk aber auch mit der öffentlichen Person Mapplethorpe – und dadurch auch eine mit jenem Teil ihrer selbst, den sie an eine öffentliche Wahrnehmung abgeben muss, wie sie im STANDARD Interview mit Wiltrud Hackl erzählt.

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Die Intention dieser Ausstellung ist es, einen neuen Blick auf das Werk Robert Mapplethorpes zu werfen. Ist es denn überhaupt noch möglich, dieses Werk „neu“ zu sehen?

Huppert: Ich muss zugeben, ich war nicht die große Mapplethorpe Spezialistin. Ich kannte zwar jene Arbeiten, für die er berühmt ist – seine körperbezogenen, sexuell aufgeladenen Arbeiten. Und ich bin keine Kunstspezialistin. Als Thaddaeus Ropac mich gebeten hat, zu kuratieren, ging ich also sehr instinktiv vor. Und ich hatte eine riesige Freude dabei. Es war eine große Entdeckung, viele Werke, die ich nicht kannte, sehr graphische Arbeiten, viele Landschaftsportraits und auch Kinderportraits. Ich war auch sehr überrascht über mich selbst, denn ich zögerte nicht lange, wählte das, was mich bewegte.

Sie haben einige wirklich unbekannte Arbeiten ausgewählt und sie haben sie interessant gehängt, finde ich. So erzählen Sie eine eigene Geschichte.

Huppert: Ja, man kennt die Arbeiten, mit denen Mapplethorpe zum Star stilisiert wurde: Körper, die zu Skulpturen werden und Blumen, die zu Körpern werden. Und da entdeckte ich plötzlich diese Bilder von Kindern. Die sind sehr poetisch, haben aber auch eine bestimmte Wildheit. Was jedenfalls auffällt und beeindruckt in Mapplethorpes Arbeit ist sein Umgang mit Einsamkeit und Ruhe, egal ob er dabei ein Bein oder das Meer fotografiert.

Oder einen Pferdekopf, den sie neben das Portrait eines Kindes hängen.

Huppert: Ja, der Pferdekopf ist wundervoll. Von einem Pferd erwartet man, dass es läuft, springt und hier steht es still, dadurch bekommt es etwas Menschliches. Nur der Mensch hat ein Bewusstsein darüber, ob er gerade stillhält oder sich bewegt. Aber so wie Mapplethorpe die Tiere fotografiert wirken sie klug, als hätten sie entschieden, für die Kamera einen Moment ruhig zu halten.

Es gab vor 8 Jahren diese große Ausstellung im MoMa in New York – Woman of many Faces – in der über hundert Foto-Portraits von Ihnen zu sehen waren. Da waren sie also das fotografierte Subjekt. Für diese Ausstellung sind sie in eine andere Rolle geschlüpft, war dafür auch eine andere Form der Wahrnehmung ihrer selbst notwendig?

Huppert: Das war keine bewusste Überlegung, ich kann ja gleichzeitig Schauspielerin und Betrachterin sein. In diesem Fall hier war es aber schon so, dass ich einige sehr intime Momente mit dem Werk Mapplethorpes erlebt habe. Als hätte ich einen heimlichen Dialog geführt. Auf der einen Seite gibt es eben diese sexuell aufgeladenen Bilder, auf der anderen Seite tauchen die Landschaftsportraits auf – ich habe gar nicht erwartet, dass er sich von diesen Motiven so angezogen fühlte. Als Fotograf war er offensichtlich interessiert an allem. Er hat die Welt offenbar ständig aus seiner Position als Fotograf betrachtet – ein Weltenbetrachter, irgendwie.

Sie hätten demnächst selbst eine Fotografin spielen sollen, eine Kriegsfotografin in „Louder than Bombs“ von Joachim Trier. Das Projekt wurde aber gerade aufgrund mangelnder Finanzierung aufgegeben.

Huppert: Ja, das ist sehr schade. Möglicherweise kommt er ja doch noch zustande, ich weiß gar nicht genau, was passiert ist, woran es liegt, aber das Projekt wurde gestoppt.

Sie haben auch einige der vielen Portraits ausgewählt, die Robert Mapplethorpe von Patti Smith machte. Als ich die sah, dachte ich, genauso hätte er vielleicht auch sie fotografiert – eine gewisse Distanz und gleichzeitig eine einsame Stärke im Blick…

Huppert: Ja, ich weiß was sie meinen, auch eine gewisse Kindlichkeit. Die Portraits von Patti Smith unterscheiden sich von jenen, die er von Debbie Harry oder Louise Bourgeois gemacht hat. Patti Smith gibt er mehr Körperlichkeit, mehr Raum – natürlich – er hat einige Zeit seines Lebens ja mit ihr verbracht.

Starke, eigenwillige Frauen spielen eine große Rolle in ihrem beruflichen Leben: Sie haben etwa Ingeborg Bachmanns Malina oder Erika Kohout in Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin verkörpert.

Huppert: Das ist richtig – und beide sind Österreicherinnen! Ich weiß nicht warum, aber es stimmt, ich treffe immer wieder auf diese starken österreichischen Frauen.

Elfriede Jelinek hat sie ja – neben Susan Sontag – für den Katalog der Ausstellung damals im MoMa portraitiert. Wie ist das, ständig beschrieben und somit auch erklärt zu werden?

Huppert: Ich war sehr berührt von dem, was Elfriede Jelinek geschrieben hat. Aber, grundsätzlich ist das eine eigenartige Sache… wie soll ich das beschreiben… als Schauspielerin geht man seiner Arbeit nach, man tut Dinge wie alle anderen auch, aber plötzlich gehört einem nur noch ein Teil von dem was man tut. Ein anderes Stück ist Teil einer öffentlichen Wahrnehmung. Es ist unheimlich: als würde man hier sitzen, und gleich daneben sitzt man noch einmal, aber in einer völlig anderen Wahrnehmung. Es ist, als würden die Menschen über einen Fremden sprechen.

Wie über eine ausgelagerte, öffentliche Figur?

Huppert: Ja, aber man tut die Dinge dennoch genauso wie andere Menschen. Ich denke nicht darüber nach, ich tue sie instinktiv – auch hier als Kuratorin. Aber – die Dinge die man tut, werden öffentlich wahrgenommen, und gerade als Schauspielerin gehört man einem Film oder einer Vorstellung, die ein Regisseur von dieser oder jener Rolle hat, und die Leute reden dann darüber, schreiben darüber. Da treffen sich Robert Mapplethorpe und ich – ich denke, dass auch er einfach gearbeitet hat – er hat sich mit Körpern auseinandergesetzt, mit einem bestimmten Körperbewusstsein… und irgendwann haben andere Menschen begonnen, darüber nachzudenken, warum er das wohl tut. Aber zu Beginn, da bin ich sicher, war es auch bei Robert Mapplethorpe purer Instinkt.

http://derstandard.at/1376535302724/Es-war-als-haette-ich-einen-heimlichen-Dialog-gefuehrt

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