Das Gegenbild Amerikas

Zur österreichweit ersten umfassenden Museumspersonale des amerikanischen Photographen Walker Evans in der oö. Landesgalerie (mai 2013).

„No politics whatever“ soll eine Bedingung Walker Evans‘ (1903 – 1975) gewesen sein, bevor er Mitte der 1930er Jahre den Auftrag annahm, Portraits von Farmarbeitern und eine Dokumentation ihrer prekären Arbeits- und Lebensbedingungen zur Zeit der großen Depression im Süden der USA anzufertigen. Es sollten jene Fotografien werden, für die der Sohn wohlhabender Eltern aus St. Louis berühmt wurde. Und sie waren doch hochpolitisch, auch wenn Evans sich so deutlich dagegen ausgesprochen hatte, den Auftrag der FSA, der „Farm Security Administration“, in irgendeiner Art und Weise als einen politisch motivierten anzusehen. Nicht nur diese Serie, die Familien von Kleinbauern und Landarbeitern mit einem hohen Grad an Empathie für die Portraitierten und völlig ohne Pathos zeigt, veränderte das Bewusstsein vieler Amerikaner. Mehr noch schrieben sich die Fotografien ein in das kollektive Bildgedächtnis Amerikas, schufen ein lange bestimmendes Gegenbild zu einem urbanen, großstädtischen Amerika.
Die Ausstellung „Decade by Decade“ in der Landesgalerie umfasst nun erstmals auch die Jahrzehnte vor und nach dieser stilprägenden Serie. 5 Jahrzehnte künstlerischen Schaffens, dessen Einfluss auf Fotografie aber auch Bildende Kunst bis heute anhält. Räumlich eröffnet sich die Schau sozusagen selbst, mit einem vergrößerten Selbstportrait des Künstlers: ein nachdenklicher Mann, der mit seinen klaren, freundlichen Augen den Besucher anblickt, ihn einlädt, sich dem nun folgenden ausführlich zu widmen. Darunter auch selten gezeigte Bilder seiner Reise nach Tahiti oder Werke aus seiner Reise 1933 ins vorrevolutionäre Kuba, während der er im Haus Ernest Hemingways zwar wohnte, offenbar aber kein einziges Portrait des Schriftstellers anfertigte.
Früh positioniert sich Walker Evans mit seinen Fotografien zwischen den Genres inszenierte Fotografie und von journalistischem Interesse geprägten dokumentarischen Arbeiten. Er definiert neu, experimentiert, dekonstruiert das Gewohnte, vor allem das Portrait: zwischen 1938 und 1941 macht er sich auf in den Untergrund, versteckt seine Kamera so in seinem Mantel, dass die Linse zwischen zwei Knöpfen hervor lugt aber unsichtbar bleibt. Die Subway-Portraits zeigen Menschen in der New York City Subway, Evans zeigt sie in unbeobachteten Momenten, gedankenverloren. Die Gesichert der Menschen, wenn sie da unten in der U-Bahn sitzen, seien von „nackter Ruhe“, beschreibt Evans die Serie. Spätestens hier wird klar, wie viel Einfluss Evans auf nachfolgende Künstlergenerationen hatte. Nicht allein auf Künstler der Pop-Art, die seinen Faible für Werbung, Typographie und Massenprodukte aufgriffen, sondern für eine ganz aktuelle Generation von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die sich in der Schaffung neuer, persönlicher Zugänge innerhalb des Mediums Fotografie an Evans orientieren.
Mehr als 200 Vintage Prints sind in der Ausstellung zu sehen, zu einem großen Teil stammen sie aus der Privatsammlung von Clark und Joan Worsick. Kuratiert hat sie James Crump, bis vor kurzem Chefkurator am Cincinnati Art Museum, eines der Partnermuseen für diese Ausstellung in der Landesgalerie, die es im Übrigen mit einer wunderbar gelungenen Ausstellungsarchitektur schafft, gleichzeitig jene Unaufgeregtheit wie jene unbedingte, magnetische Präsenz aufzugreifen, die die Arbeiten Walker Evans selbst auszeichnen.

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