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irgendwo irgendwann

zu neuen arbeiten von ekaterina fischnaller

Ekaterina Fischnaller | Galerie Hofkabinett | Linz | 29 okt 2020

Irgendwann irgendwo: ein Titel wie ein Versprechen, wenngleich ein der Zeit angemessen zum Glück recht unverbindliches. Die Künstlerin wirft unter diesem Titel einen Blick auf ihre aktuellen Arbeiten, die sich mit einer Landschaft auseinandersetzen, auf die wie wenige andere dieses unverbindliche, wenig spezifische und aus der Zeit gefallene „irgendwo irgendwann“ zuzutreffen scheint. Die Ciociaria – östlich von Rom, irgendwo im Lazio, sie ist weder Provinz, noch wird sie exakt abgesteckt oder begrenzt, ein Gebiet zwischen Bergen, durchzogen von Flüssen, dessen Name sich – so liest man – ableitet von den „Ciocie“, den Sandalen der Hirten, die sich das Gebiet also erwandern, ergehen mussten.

Ausschnitt (c)Ekaterina Fischnaller

Ekaterina Fischnaller entwirft eine Erzählung dieser italienischen Landschaft als eine, die absorbiert, den Atem in der August-Hitze anhält, eine Landschaft, die sich eine sommerliche Gleichmütigkeit überwirft. Die Künstlerin begann, sich die Landschaft möglichst naturalistisch als skizzenhaftes Aquarell anzueignen und abzubilden, bevor sie sich daran machte, wiederkehrende Farben und Formen in den Feldern und Bergrücken zu finden und neu zu ordnen. Während die sommerliche Landschaft alles herum zu verschlingen scheint, können in diesen nun neu geordneten Elementen von Farben und Formen neue Verbindungen entstehen, ohne sich voneinander trennen zu müssen, werden verborgene Elemente sichtbar. Ekaterina Fischnaller bringt etwa Wasserflächen, Wasserhöhlen zum Vorschein, legt den Blick auf Baumwurzeln frei, lässt eine Frauensingstimme, die während ihres Aufenthalts im Gastatelier in Paliano regelmäßig aus der Ferne zu hören war – eine Opernsängerin vielleicht oder eine Singlehrerin – für einen Moment Gestalt annehmen und gleich darauf Teil der Heuballen werden, die über die Landschaft ziehen.

Berge – gleichermaßen auch als mögliche Speicher dieser „unsichtbaren Wasser“ betrachtet – können so gesehen aus einzelnen Tropfen bestehen, wie eine Familie, die aus einzelnen, manchmal weit verstreuten und entfernten und unsichtbaren aber stets aneinander haftenden Familienmitgliedern besteht.

Ausschnitt Atelier, Ekaterina Fischnaller 2020

Ein Familienbild ist also jenes Bild mit der großen, mittig gesetzten, an ein Auge erinnernden hellblauen Wasseransammlung, aus der sich wiederum Tropfen lösen – ein Bild, das auch daran erinnert, wie sehr die Familie vermisst werden kann, und wie sehr ein Tropfenkonzept zur Strategie gegen Einsamkeit in so einem Sommermonat in so einem Jahr, in dem nichts ist wie es ist, werden kann.

„Blaue Unmenge“, Tusche/Leinwand, 150 x 120 cm, 2015 (c) Ekaterina Fischnaller

(Sie erinnern sich an die Tropfen, die Seerosen, die geometrischen Formen, die sich in Fischnallers früheren Arbeiten finden und wiederholen, sich in Unendlichkeit stürzen, transparent und verblassend oder kräftig in Schwarz und Gold sich als Schwarm zusammenrottend.)

Fischnallers aktuelle Arbeiten changieren zwischen diesem Gefühl des Abgeschottet-Seins von der Welt und sich selbst, berichten von Fragmentiertheit und der gleichzeitigen, umfassenden Weite und Großzügigkeit einer Landschaft, in der sich alles auflösen kann und stehend in Bewegung bleiben darf.

Eine Allee aus Pinien wird so zu einer Prozession von Bäumen – ihre Stämme sind feierlich weiss gehalten – zwei davon verbinden sich unterirdisch, verwurzeln sich, verschlingen sich. Eine Erinnerung daran, wie lebendig, wie verbunden wir in und mit Organismen namens Erde oder Universum sind und wie absurd es ist, uns als Spezies abzugrenzen von all dem, was uns umgibt, was wir werden können, was zu uns werden kann.

Fragmente eines Körpers greift die Künstlerin auf einem Bild heraus, das an die mittelalterlichen Fresken in den Kirchen und Kathedralen der Region ebenso erinnert wie an orthodoxe Ikonen – feingliedrige, zarte, schmale Hände auf einem an den Himmel gemahnendes Blau, das dem Blau auf einem Fresko in der Kathedrale in Anagni entspricht. Wieder errichtet die Künstlerin dergestalt ein Bezugssystem von Erinnerung, Gegenwart, Familie, Ferne: Irgendwo irgendwann eben.

So wie irgendwo sich einer Verortung entziehen mag, ist irgendwann aus der Zeit gefallen, so betrachtet werden die Doppel- und Mehrfachbelichtungen in den Fotoserien zu Zeugen eines nie dagewesenen Ereignisses – Denkmäler, die von nie existierenden Monstren erzählen, jene Steinfiguren aus dem 16. Jahrhundert, die im Sacro Bosco, im „heiligen Wald“ darauf warten, Teil des sie umgebenden Waldes zu werden. Die leeren Leinwände am Boden des Ateliers werden von der Leere des Ateliers aufgesogen. Monströses wird von Monströsem verschlungen. Irgendwo irgendwann.

Ekaterina Fischnaller bietet mit dieser Ausstellung von neuen Arbeiten Zeitreisen, die von fernen, wunderbaren Gebieten erzählen, die wir nie bereisen werden oder von denen wir nie zurückkehren werden. Sie ordnet eine längst kulturalisierte Landschaft neu, legt deren Schichten manchmal einer geologischen Landkarte gleich frei, und schafft dadurch Zugänge, diese Landschaft neu verwildern zu lassen, mit wilden Assoziationen zu versehen. So gesehen werden die Bilder zu Landkarten, die uns zwingen, falsche Abzweigungen zu nehmen, abzugleiten, uns zu verlieren und möglicherweise – das Versprechen bleibt zum Glück unverbindlich – neu zu finden.

(Die Worte zur Eröffnung wurden krankheitsbedingt via Zoom in die Galerie Hofkabinett übertragen)

Von Wiltrud Katherina Hackl

kulturarbeiterin, kulturmanagerin, lehrbeauftragte, autorin
++43-677-62516830
wiltrud.hackl@gmail.com

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