Ein Hoch auf die Entähnlichung

Anlässlich der Eröffnung der 11. Ausgabe des Klangfestival / weaving in 13. – 15.9.2018 / Gallneukirchen

verweben, einweben, verbinden, verknoten, verknüpfen, spinnen, einspinnen, verwickeln – wissen wollen, wie man als mehrdeutiges Festival die einzelnen Stränge zueinander in Bezug setzt, miteinander verbindet – auf den ersten Blick ist das Verweben Verbündeter. Text, Textur, Textil – von links, nach rechts, eine Zeile nach der anderen. Auch mal die losen Enden suchen, verknoten, verknüpfen, einweben, so lange, bis sich eine Erzählung ergibt, immer auf der Suche nach der gemeinsamen Struktur, die das alles zusammenhält. Und was dann? Und was, wenn ein Faden, ein Strang, nicht will?

Die gemeinsame Struktur frisst dann Fremdheit und Andersartigkeit. Assimilation frisst Differenz. Eindeutigkeit frisst Ambiguität. Aber die Sehnsucht nach dem großen Gemeinsamen, nach dem Ähnlichen, nach dem Verwobensein, die bleibt doch.

Da kommt die Dessimilation ins Bild, Entähnlichung – bei gleichzeitiger Verwobenheit von mir aus. Die verspricht eher wahrhaftige Ebenbürtigkeit, Dialog, Erkenntnis. Wir können unabhängig bleiben, unähnlich, einander fremd und unbekannt, und manchmal und hoffentlich auch unheimlich. Keine muss sich eingliedern, keine braucht sich aufzugeben, keine muss der anderen ähnlich sein. Will sich doch ohnehin stets nur das Mehrheitsfähige das Andere einverleiben, es einweben, will kontrollieren, domestizieren, will eindeutig bleiben, will sich beziffern können, will sich anbieten und nützlich und von Nutzen sein. Macht sich käuflich. Macht sich endlich. Das Mehrdeutige, das ambige aber bleibt unbezifferbar, widerständig, störend, verführt, aber erfüllt oder befriedigt nicht.

Schaut auf Odysseus, wie er sich an den Segelmast fesselt, um nicht den verführenden Klängen der Sirenen nachzugeben. Sirenen, Nixen, Meerjungfrauen – alle wunderbar verbunden mit dem Bild des Webens, Spinnens, Erzählens, Singens und gleichzeitig Störens – sie stören heldenhafte Vorhaben und Erzählungen, gleichzeitig verwickeln sie im wahrsten Sinn des Wortes, hüllen ein – stören patriarchale Betriebsamkeit, Ökonomisierung und Verwertungslogik. Weniger aufgrund ihrer tatsächlichen stimmlichen Verführung werden die Sirenen in Kirkes Warnung zur Gefahr für Odysseus, sondern weil sie sein Welt-Bild, seine Erzählung, seine Eindeutigkeit stören würden. Sie bilden eine kulturelle Verunsicherung für den Helden, und unabhängig davon, ob sie tatsächlich gesungen haben oder ob er ihre Insel betreten hätte, verweigern sie in jedem Fall ihm, dem Helden, das Moment der Überwindung dieser Verunsicherung. Da lieber vorsorglich den Gefährten die Ohren verstopft und sich selbst an den Mast gebunden.

Eine Minute bitte an dieser Stelle für das Hören, das als Kulturtechnik verglichen mit Lesen oder Blicken schon allein aufgrund seines Organs eine so schöne Ausnahme bildet, das Störende bleibt störend, die Ohren lassen sich nicht so rasch schließen wie die Augen, das Unangenehme, nicht sofort Verständliche bleibt erfahrbar, es bleibt mehrdeutig und oft unverwertbar.

Dank dem Klangfestival also für kulturelle Verunsicherung, Bilder und Vorstellungen, die ins Wanken geraten, Strategien der Verweigerung, des Verwehrens und Verführens, Stränge, die sich eben nicht einweben lassen, danke dafür dass es sich die Mühe macht, Unähnliches zu verweben, ohne es dabei der Eindeutigkeit zu unterwerfen, ein Hoch auf Entähnlichung bei gleichzeitiger Verwobenheit!

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