Aus der Ferne / Nun da Johanna Dohnal tot ist

Als ich letztens an der Tür wartend meinen Sohn das Treppenhaus heraufkeuchen hörte, schließlich um die Ecke biegen sah, fertig, aber braungebrannt und überglücklich aus den Augen blitzend – da sah ich mich selbst die Stirn runzeln und hörte mich eine Sekunde darüber nachdenken, wann sein Vater und ich eigentlich diese Vereinbarung getroffen hatten, die da ganz offensichtlich besagt: er kriegt die Ferien und den Spaß, ich den Alltag und das tägliche Aufstehen um sechs. Ich kann mich nämlich nicht dran erinnern, irgendwie hat sich das in den Jahren so eingeschlichen und wurde von den beiden wahrscheinlich damals in Disneyworld Paris besiegelt. Meine gebetsmühlenartig wiederkehrenden Bitten, doch weniger Action und dafür den einen oder anderen Arztbesuch zu unternehmen, blieben und bleiben vom Vater im besten Fall ungehört, im schlimmeren werden sie ungeniert mit einem Besuch im teuersten Restaurant des Landes beantwortet, und mir bleibt dann das Vergnügen des nächtlichen Telephonats über Bauchdrücken und Schlaflosigkeit, schließlich will man doch den Vater nicht damit belästigen. Damit nicht genug, spart der aus dem Schlaf gerissene Geschlechtsgenosse des Vaters nicht mit Vorwürfen, angehörs des Telephonats und Fragen, warum ich nicht längst schon im Auto säße, den armen Sohn aus den vom Dessert zuckrigen Klauen des Vaters zu holen und mich mütterlich um ihn zu kümmern, mit Fencheltee und Wärmflaschen. Weil er 15 Jahre als ist? Weil er wissen sollte, wanns genug ist? Weil sein Vater nebenan schläft? Warum muss ich solche Fragen eigentlich beantworten? Und warum liegt

gender trouble

nicht auf dem Nachttisch, um nötigenfalls damit auch mal zuschlagen zu können?
Nun, da Johanna Dohnal tot ist, tun solche Gedanken und Fragen und Erlebnisse doppelt weh, weil da gefühlsmäßig viel zuwenig Zeit war, um den einen feministischen Ansatz in Form von Sozialisierung in den frühen siebziger Jahren aufzusaugen, und den anderen, eigenen im Erwachsenenalter weiterzuentwickeln. Und so schwimmt man irgendwo noch dazwischen, verlässt sich mal auf Intuition, mal auf Gelesenes, und ist etwas verwirrt.
Denn der Gedanke, wirtschaftlich und finanziell nicht abhängig zu sein, mündete bei vielen Frauen in der Lebensrealität in drei und mehr Jobs das zu verdienen, was ein Mann in einem verdient, zusatzausgestattet mit dem Glück der alleinigen Kindererziehung. Im Gegensatz zu unseren Müttern, die – obgleich verheiratet – inoffiziell auch schon Alleinerzieherinnen waren, dürfen wir beim Steuerbescheid wenigstens Alleinerzieher ankreuzen. Gekündigt können wir nicht werden, weil wir niemals angestellt waren und dank Massenkommunikationsmitteln und einer massiven genealogischen Krise gelten wir mit vierzig als die neuen Dreißigjährigen, sollten aber bitte schön auch so aussehen. Unangenehm wirds, wenn wir unseren Freundinnen gegenüber zugeben müssen, dass wir noch nie einen Autoreifen gewechselt haben und gleichzeitig auch unsere Socken nicht selber stricken, und nein, ich will auch mein Bad nicht selbst fliesen, und ich anerkenne in den allerseltensten Fällen den künstlerischen Qualitätsanspruch von Sticken und Stricken.
Ich will beileibe nicht alles können (müssen), und ich will auch nicht superwoman in den Fängen eines höchst zwiespältigen third wave feminism sein. Viel lieber würde ich viel mehr lesen, vielleicht entwirren sich dann die letzten vierzig Jahre in frauenpolitischer Hinsicht und beantworten sich Fragen danach, warum sich kaum etwas verbessert, sehr viel aber für sehr viele Frauen verschlechtert hat. Denn mein Ärger darüber, dass der tolle Vater so selten so tolle Sachen wie Elternabende, Arztbesuche, drei-Tage-voraus-Kochen und Lernen für Schularbeiten unternimmt, verblasst völlig angesichts der Probleme einer Mutter mit mehreren Kindern und noch weniger Vater, mehreren und weitaus schlechter bezahlten Jobs, und vor allem kaum Aussichten darauf, dass sich ihre Lebenssituation oder die ihrer Kinder ändern wird.
Gerechtigkeit gibt es angesichts einer in Österreich immer noch und immer wieder gültigen Vererbung von Bildung oder Reichtum bzw. Unbildung oder Armut nicht. Dass man sich darauf verlassen kann, zeigen Blicke in Arztpraxen oder bestätigen Gespräche mit ÄrztInnen, die etwa seit Jahren darauf aufmerksam machen, dass Armut und geringe Bildung krank machen. Und daran will offenbar niemand rütteln, nach dem Motto: ein bisschen Unterschied soll ja doch erkennbar sein, nicht wahr? Und das macht, rückblickend auf Johanna Dohnal und die siebziger Jahre als ein offenbar nicht gleich als solches erkanntes trompe l’oeil Gemälde, eine Scheinarchitektur der Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, unabhängig ihrer sozialen Herkunft, wütend und traurig, auch, weil kein feministischer Ansatz bislang an der realen Lebenssituation vieler Frauen in Österreich etwas zu ändern im Stande war.

Aus der Ferne / New York

Kürzlich dachte ich mir: Linz kann ja so schön sein. Bei diesem Gedanken saß ich auf dem Beifahrersitz eines „SUVs“ – das heißt Sport Utility Van – und wurde des nächtens auf Manhattan umherkutschiert. Meine immer leiser werdenden Bemerkungen darüber, dass wir hier vor fünf Minuten auch schon waren und wir bei dieser oder jener Ecke vielleicht mal nach links anstatt schon wieder nach
rechts abbiegen könnten, wurden mit einem immer schroffer werdenden
„Ich kenn mich hier aus, ich wollte dir nur mal Soho zeigen“ quittiert. Dass wir uns dabei ständig zwischen Chinatown und Little Italy hin und her bewegten – das konnte ich einerseits an den chinesischen Schriftzeichen und andererseits an den italienisch gedeckten Tischchen, die sich ganz gerne zwischen überquellenden Mülltonnen und Limousinen mit dunklen Fensterscheiben, an deren Türen
dicke Männer im Anzug lehnen, platzieren, erkennen, dieses zu bemerken also unterließ ich. Linz also, dachte ich mir, hat doch unbestreitbar seine Vorzüge. Klein, überschaubar und unzumutbar für alle, die nicht hier leben, das erspart einem immer das Erklären nach dem Warum. „Ich fahr morgen aufs Land“, sagte ich mal zu einem
Freund am Telefon, ein Wiener, der mich in Linz besuchen wollte. „Warum“, fragte er und lachte dabei, „du lebst auf dem Land“.
Ich hab ihn schon lange nicht mehr gesehen.
Linz ist schön, besonders, wenn man oft genug wegfährt. Weder muss man in Linz auf der Suche nach einem Hotel in einem „SUV“ (das spricht sich übrigens eeessjuuwii) umherkutschiert werden noch verläuft man sich auf dem Flughafen,
dafür auf dem neuen Bahnhof, und es gibt so viele Dinge, die sich nicht ändern, egal
wo und wie lange du weg warst. Wo andere Gesellschaften sich eine oberflächlich-professionelle Freundlichkeit zugelegt haben, pflegt man hier die tiefgründige, professionelle Unfreundlichkeit. Während anderswo Künstler und Künstlerinnen in ihrer spärlichen Freizeit zusammenkommen, um freundlich und nüchtern über Ideen und Projekte zu sprechen, die sie dann auch in Angriff nehmen, sitzt man hier nächtelang in ein und dem selben Lokal, betrinkt sich mit schlechtem Wein und redet Unsinn, ist aber, dank des schlechten Weines der Überzeugung, man sei der Mittelpunkt nicht nur des linken Donauufers.
Mitten in New York und mitten in der Nacht erreicht mich ein Anruf. Man teilt mir mit, dass der künstlerische Leiter für die Europäische Kulturhauptstadt 2009 gefunden wurde. Schön, denke ich mir, das ging ja schnell, drehe mich auf die Seite und schlafe wieder ein.
Später träume ich dann davon, wie ein sympathisch wirkender Mann, der aus dem Land, in dem die professionelle Freundlichkeit miterfunden wurde, stammt, in der großen Eingangshalle eines großen, mit einer gläsernen Außenhülle versehenen Gebäudes steht. Die Wände dieses Raums, in dem er sich ganz alleine befindet, sind über und über mit bunten Postkarten versehen, der Raum weitet sich mit jeder Bewegung, die er macht und jede Tür entfernt sich mit jedem Schritt, den er darauf zumacht. Hinter den Türen aber stehen Menschen, die verängstigt den Tatendrang dieses Mannes beäugen.
Vom linken Donauufer hört man Rufe: Mehr Titel mit Naheverhältnis!
Rechts davon ertönen Rufe wie: Meine Parkbank ist kein Labor, dafür mit Zukunft!
Schließlich erhellt sich der Raum in grellem Rosa, der Mann lässt sich in einem riesigen, umgekippten Schuh nieder, in dem er schließlich erschöpft einschläft. „Mach’s einfach“, haucht ihm eine Fee zu, die an ihm vorbeischwebt, bevor sie sich den Lippenstift nachzieht, „aber denk um Himmels Willen an die Quote!“
Vom Angstschweiß durchnässt wache ich auf, ziehe mich an und blicke aus meinem Hotelfenster. Draußen ist es heiß, stickig und laut. Die Menschen auf den Strassen scheinen alle genau zu wissen, wohin sie wollen. Unzumutbar, diese Stadt, denke ich und suche mit meinem besten Freund, dem New York-Kenner mit den schlechten
Ortskenntnissen zwei Stunden lang nach einem Frühstückslokal, in dem man rauchen darf. „In solchen Momenten fehlt einem Linz direkt“, sagt er und ich lächle.

Aus der Ferne / K

MACHTFAKTOR K, ANGSTFAKTOR K.
Die Zeiten sind schlimm, aber nicht so schlimm, dass sie nicht noch schlimmer werden könnten. Das Gute an diesen schlimmen Zeiten ist allerdings, dass es noch nie so leicht war, gut zu sein. Das beweist sich täglich und durch ganz viele Menschen. Schön ist doch zum Beispiel, wie viele Menschen sich angesichts des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres plötzlich und völlig unvermutet für – genau – Kultur interessieren. Selbst Menschen, die sich in den letzten Jahren eher durch abfällige Bemerkungen über Kultur im allgemeinen und über Kulturberichterstatterinnen im besonderen hervorgetan haben, sitzen nun – schwups – in Aufsichtsräten, die sich mit der Kulturhauptstadt beschäftigen.
Aberaberaber, hör ich da: Kultur, das beschreibt ja nicht nur Kunst, sondern auch: Gesprächskultur, Bildungskultur, Kultur der Umgangsformen, etcetera und gähn. Ganz genau, auch in diesem Sinne: schön also, dass sich bislang eher kulturferne Menschen plötzlich so sehr für Kultur interessieren. Was lernen wir daraus: nicht nur Politik und Wirtschaft, nein, auch Kultur wird, wenn’s gerade passt, zum Machtfaktor.
Schön des Weiteren, dass aus dem ehemaligen Angstfaktor Kultur nun der wohltuende, höchstwillkommene Machtfaktor Kultur geworden ist. Diese Veränderung ist nicht nur, aber auch und vor allem, in diversen Medienunternehmen dieses Landes zu bemerken. Allein, inhaltlich ist davon allerdings freilich nichts zu bemerken, denn wer sich erhofft hat, der Zugang zu Kultur und zu Kulturberichterstattung ändere sich schon allein dadurch, dass nun einige Mitarbeiter im Aufsichtsrat der Kulturhauptstadt sitzen, der oder die irrt. Noch immer (oder schon wieder) heißt es: Kultur und Kunst seien Abschaltimpulse und müssten am besten so verpackt werden, dass niemand mehr merkt, dass
es sich hier um Kunst oder/und Kultur dreht. Würde jemand aber im Umkehrschluss von quotenmäßig ebenfalls eher marginal beachteten Sportberichten oder Wirtschaftsthemen verlangen, darauf zu verzichten, eben wie Sport- und Wirtschaftsberichte auszusehen? Lustig, oder? Interessieren eigentlich beständig im Kreis fahrende Autos oder den Hügel hinabschlitternde Skifahrer wirklich und ausschließlich alle Zuseher? So gedacht wäre nämlich dann jede andere Berichterstattung für Menschen, die sich nicht so sehr für das jeweilige Thema interessieren, zumutbar, Kulturberichterstattung aber nicht.
Abgesehen davon, dass diese Herangehensweise eine Diskreditierung der Seher und Seherinnen sowie Hörer und Hörerinnen ist, die diese nicht verdient haben, bedeutet diese Entwicklung nicht mehr und nicht weniger, als dass möglicherweise im Jahr 2009 zwar einige Medienvertreter im Aufsichtsrat sitzen und sich mit „Kultur“ schmücken, eine Kulturberichterstattung – die diesen Namen auch verdient – bis dahin aus dem Programm allerdings sukzessive entfernt wurde. Im Jahr 2009 sehen, hören und lesen wir dann höchstens von und über Events, auf denen sich Bankdirektors, Politikers und Medienvertreters die Hände reichen und sagen dürfen, wie wichtig ihnen Kultur ist, wobei der Begriff Kultur in diesem Fall dann so austauschbar ist wie meine Kontaktlinsenflüssigkeit. Bleibt
zu hoffen, dass es dann noch ein paar Bürger und Bürgerinnen gibt, denen das auffällt und die ihr Recht auf lokale Kulturberichterstattung aus der im Übrigen – noch – einzigen verbliebenen Kulturredaktion einer Landesabteilung eines österreichischen Medienunternehmens einfordern. In diesem Sinne: Die Zeiten sind so schlimm, dass es noch nie so einfach war, gut zu sein. Erschreckend zeitlos ein Tucholsky Zitat: Kultur fängt da an, wo Bankdirektors aufhören.