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viel gegend

Am Ende sitzt man also Menschen gegenüber, die – sicherlich in bester Absicht – Bemerkungen wie diese machen: „Sie können kündigen oder so weitermachen wie bisher, einen anderen Ratschlag hab ich nicht für Sie“ oder „So lange Sie nicht auf der Brücke stehen und drohen, hinunterzuspringen, wird da wohl so schnell kein Platz frei.“ – high functional depression, my ass! – Hinunterspringen ist sicherlich keine Option, herausfallen hingegen Realität. Wer in Österreich an einem Burnout und/oder Depressionen leidet, hat ganz einfach Pech. Wer in Österreich eine Frau über 50 ist, die letzten 30 Jahre gleichzeitig studiert, gearbeitet und ein Kind großgezogen hat und an einem Burnout leidet, sollte tunlichst aufhören zu existieren. Weil sich das nicht ausgehen wird. Finanziell schon gar nicht. Die selbst organisierten und finanzierten Therapie- und Beratungsstunden erschöpfen sich analog zum Kontostand. In Beratungseinrichtungen, die eine wieder „fit zum Arbeiten“ machen sollen, gibt es keine Termine. In Kassen-Therapie- und Gesprächsgruppen ist kein Platz frei, außer man zieht die Brücke in Erwägung. Nachdem die aber wie erwähnt nicht in Frage kommen, wagt man einen Versuch, wagt sich aus der Wohnung und fährt hinaus. Natur. Wasser. Vögel. Schliesslich sind Tagesausflüge erlaubt. Man setzt sich also in Züge, in Busse und fährt übers Land. Besucht Freunde und Freundinnen, entdeckt Zugsverbindungen, die eine direkt an den See bringen. Das funktioniert eine Zeitlang, besser wird dadurch aber nichts, der Blick aus dem Fenster auf viel Gegend und noch mehr Gegend ersetzt kein Therapiegespräch, schafft keine Perspektive. Im Gegenteil kreisen die Gedanken, erinnert man sich an diie wirklich unangenehmen Gespräche der letzten Wochen, an Menschen, die den Kontakt abbrechen, sobald es einer schlecht geht und den nunmehr freien Platz am Esstisch flugs mit dem Exfreund füllen. Übrig bleibt die Angst vor hämischem Gelächter und die Erinnerung an gute Ratschläge – „Reiss dich doch zusammen“ „Andere sind WIRKLICH krank“. Man zieht sich zurück, um bloss niemandem auf die Nerven zu gehen, löscht social media accounts, tritt aus Vereinen aus, lehnt Angebote zur Gremienarbeit ab und bricht schliesslich auch gerne mal selbst den Kontakt ab, weil man die ach so tollen, super erfolgreichen, selbstgerechten, resilienten Menschen ohnehin viel zu lange ertragen hat. Die Welt ist ganz generell am Boden, da muss man doch die wenigen Jahre, die einer vielleicht noch bleiben (bevor man WIRKLICH krank wird) mit Menschen verbringen, die einer ohnehin bloss an der Kleidung rumfizzeln. Irgendwann hat eine einfach genug von den Lauten. Haltet doch einfach mal die Klappe. Schaut doch mal in die Gegend. Seid doch nicht immer so interessant. Habt doch nicht immer was zu sagen, was zu ergänzen und was anzufügen.

In der Gegend rumfahren also, bis eventuell doch ein Platz mit anderen kaputten, ausgebrannten Menschen frei wird – ja, man würde auch töpfern, kein Problem, Hauptsache nicht zuviel reden müssen. Mir gehen zum ersten Mal in meinem Leben die Worte aus und es fühlt sich überraschenderweise richtig an. Jeder Satz eine Qual, ein Ausbessern, ein Rumkauen, ein Löschen und wieder Hinschreiben. Jeder Gedanke einer, der nur vom Weglaufen erählt, vom Hinschmeissen und gleichzeitig vom schlechten Gewissen, nicht mehr zu mehr fähig zu sein. Andere müssen flüchten, wie kannst Du da bloss auch noch depressiv sein?

Der Blick auf die kurze Zeit, in der man meint, alles anders, besser, die Welt nämlich und überhaupt machen zu können, macht traurig. Weil sich nicht nur das eigene Tun in Frage stellt, sondern weil da nicht mal mehr ein Blick ist. Man hatte eh ein Leben, sich daran zu gewöhnen, dass die Welt ein kapitalistischer, patriarchalischer Dreckshaufen ist, und ja, viel Gegend hier.

Von Wiltrud Katherina Hackl

kulturarbeiterin, kulturmanagerin, lehrbeauftragte, autorin
++43-677-62516830
++43-664-88540244
wiltrud.hackl@gmail.com

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