‚wir‘ machen hier gar nichts

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich ungefragt und öffentlich in eine Gruppe namens „wir“ einbezogen wurde und wie unmissverständlich und deutlich es stets war, dass es dabei nie darum ging, mich einzubeziehen, sondern darum, mich verschwinden zu lassen. Um in Ruhe und ungeniert meiner Gedanken, meiner Ideen, meiner Arbeit, meiner Expertise habhaft zu werden. „Wir machen das“, „Wir arbeiten uns daran ab“, „Wir haben dieses oder jenes entwickelt.“ Es stimmte einfach nicht, „wir“ haben gar nichts entwickelt oder geschrieben. Es war immer nur Ich, in meinem Büro oder in meiner Küche, spätnachts, frühmorgens, jedenfalls immer allein.

In letzter Zeit macht sich dieses Wir erneut breit, in öffentlichen Diskussionen, Präsentationen, Pressekonferenzen. Anwesende Frauen* spüren jeweils sofort, dass und was da nicht stimmt. Anwesende Männer klopfen sich unsichtbar gegenseitig auf die Schultern und hören nur: „wir sind so super“.
„Wir“, so hörte eine Freundin von Kollegen, „sind hier ganz unhierarchisch, ganz demokratisch, so alternativ, weisst du.“ Fakt ist, dass sie die Ideen bringt, sich um die Arbeit und die Ausführungen kümmert, am Ende des Tages Kund*innen gegenüber allerdings ihre Arbeit als „unsere“ verkauft wird. Sie darf sie nicht einmal selbst präsentieren, so unhierarchisch geht es da zu.

Wir-Gruppen zu erstellen, einzig um die Arbeit einer Frau unsichtbar zu machen, ist allerdings – tataa! surprise! – kein Akt von Solidarität, es ist ein Akt von Diebstahl. Das betrifft nicht nur Arbeit, das betrifft aktuelle Themen, Aufreger, Kämpfe, die zu führen sind. Auf Twitter meinte ein männlicher User – in bester Absicht, ganz bestimmt –  kürzlich:

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Es ging in diesem Thread um den Ausgang des Prozesses gegen Sigrid Maurer, dem die Verärgerung über das Urteil in erster Instanz (Sie hat sie gewehrt und büßt dafür) anzumerken war. In erster Linie Frauen diskutierten darüber, machten ihrem Ärger Luft. Ein Mann schaltete sich ein und setzte eben jenen Tweet ab.

Wen aber meint er in diesem Fall mit Wir? Ist er eine Frau*? Erfährt er seit seiner Kindheit strukturelle Ungerechtigkeit und beobachtet zeitlebens, dass diese nicht etwa durch Gesetze und Quoten ausgeglichen wird, sondern im Gegenteil sich verstärkt – im gleichen Ausmaß wie der Zorn darüber, wenn frau nachrechnet und draufkommt, dass sie seit 20, seit 40, seit 60 Jahren nichts anderes tut als auf die Strasse zu gehen und dagegen aufzutreten? Nun, darüber lässt er uns im Unklaren, der Herr, der sich und uns ungefragt die Wir-Decke übers Haupt zieht.

Männer, ich möchte aktuell mit den wenigsten von Euch unter diese Decke gezogen werden. Ich und viele andere Frauen* in meinem Umfeld brauchen jetzt eher mal Abstand und Distanz. Wir müssen uns zurückziehen und darüber nachdenken, was jetzt kommen kann und was kommen muss. Und wir werden euch darüber informieren, wenn wir es für notwendig erachten. Also bitte, bildet doch jetzt erst einmal eigene Wir-Gruppen, in denen ihr darüber nachdenkt, was alles mit eurer Hilfe oder zumindest mit eurer stillschweigenden Zustimmung falsch gelaufen ist. Und warum viele von euch erst jetzt uns nahe sein wollen, weil ihr merkt, dass es sich mit uns doch besser kämpft oder mehr noch, weil ihr riecht, dass das Patriarchats am Ende ist: „ich war eh immer schon feminist und das matriarchat ist voll super. und ich finde ihr solltet eine frauenpartei gründen.“

Was „ihr“ grad findet, kümmert „uns“ nicht. Also bitte, zieht uns nicht ungefragt in euer angsterfülltes, unglaubwürdiges Wir-Konstrukt. Es ist toll, wenn ihr Kritik äussert, euch aufregt und für Gerechtigkeit kämpft, aber dont @ us mal für eine Weile.

Und dabei gibt es sie ja sehr wohl, die Feministen, die Mitstreiter, jene, die verstanden haben, worums geht. Das sind übrigens jene, die jetzt grad eher leise sind, weil sie mit nachdenken und nachfragen beschäftigt sind, und wenn sie was zur Sache sagen, ist den Worten stets jene bedingungslose Solidarität anzumerken, die sie niemals bezweifelt oder in Frage gestellt haben. Männer, die uns nichts öffentlich raten oder erklären, die keinen Vorschlag machen, wie wir uns jetzt zu verhalten haben, weil die eh immer da sind und waren, mit uns ganz vorne stehen, die uns den Kopf halten oder die Kinder und nicht gehen, wenn wir zornig sind, sondern bleiben, auch und vor allem, wenn es zach wird. Die sind echt WIR. Und die sind großartig. Und alle anderen seid mal einen Moment einfach.nur.leise.

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