A Room of Her Own – zu den Arbeiten der Künstlerin Helga Schager

Eröffnungsrede der Ausstellung „Narrative X-Rays“ von  Helga Schager in der Linzer Galerie Hofkabinett am 16.4.2015

In der Vorbereitung auf diese Ausstellung, die Arbeiten der letzten Jahre, der letzten drei Jahre glaub ich maximal von Helga Schager zeigt, wurde mir mit tieferer Auseinandersetzung deutlich, dass man sich nicht vorschnell mit dem „augenscheinlich Augenscheinlichen“ in Helga Schagers Arbeiten zufriedengeben darf. „Narrative X-Rays“ – so der Titel der Ausstellung ist ja allein aus diesem Blickwinkel betrachtet schon eine Irreführung. Ein Titel, der – so meint man –  auf halber Strecke bereits alles erzählt hat. Natürlich erzählen Röntgenstrahlen oder die Röntgenbilder etwas, um das festzustellen, da bräuchte es gar keine Bearbeitung einer Künstlerin. Allerdings stimmt auch das nur auf den ersten Blick, denn die Röntgenbilder selbst sind zwar intime Momentaufnahmen von Teilen unseres Körpers – ohne einen ärztlichen Befund oder ein fachkundiges Gespräch aber beinhalten sie eher Fragen als Antworten, sind offene Erzählungen, enden vielleicht mitten in einer Geschichte, erzählen vielleicht nur vom Beginn einer Erkrankung und nichts vom Verlauf.

Und eben da setzt Helga Schager als Künstlerin an, wenn sie die Bilder als Werkmaterial für eigene Arbeiten nimmt. Und eben nicht „augenscheinlich augenscheinlich“, sondern indem sie eine möglicherweise gerade begonnene Geschichte eines Knochenbruchs oder einer Krebserkrankung völlig außer Acht lässt, eigentlich negiert und beginnt, ihre Geschichten in diese Bilder einzuschreiben, eigentlich über die Bilder zu sprayen, zu nähen, zu zeichnen. Manchmal sind es nicht mehr als zwei Objekte, die von der Künstlerin zueinander in Bezug gesetzt werden – ein Fleischklopfer, der einen Papierflieger flachzuklopfen beginnt oder ein Eimer, in dem Füsse stehen. Und wieder legt sie damit keine abgeschlossenen Geschichten vor, sondern öffnet ganz kleine Räume, möchte man fast sagen. Diese dreimal 14 akkurat und präzise angeordneten Bilder ergeben in der Summe einerseits – offensichtlich – eine Textur, drei Sätze vielleicht, die in der hierzulande geläufigen Lesrichtung erfasst werden möchten. Andererseits aber ergeben sie einen Raum, einen Erinnerungsraum, dessen Bestandteile von der Zeit entkoppelt wurden und damit eine Gegenwärtigkeit behaupten, in der wir uns ganz unterschiedlich wieder, je nach unseren persönlichen Erinnerungen und Assoziationen zurechtfinden, erzählend zurechtfinden. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet verlieren die Bilder auch ihre auf den ersten Blick zwingende lineare Lesrichtung und lassen zu, dass wir eigene Erzählungen, die mit jenen von der Künstlerin vielleicht intendierten gar nichts mehr zu tun haben müssen. Werden zu in unserem Innersten verräumten Gedankenbildern, sind ganz wie Gaston Bachelards Dachstube, wie der französische Philosoph in seiner „Poetik des Raumes“ schreibt, sehr viel– sind „groß und klein, warm und kalt, doch immer tröstend“. (La Poétique de l’éspace. Paris 1957; dt. Ausgabe: Die Poetik des Raumes. Übers. von Kurt Leonhard. Hanser, München 1975. (als Taschenbuch: Fischer, F/M 1997. [fi 7396])

Dieses Loslösen einerseits von Objekten aus ihrem Kontext wie auch das Loseisen von scheinbar Unumstößlichem sind wesentliche Bestandteile in Helga Schagers künstlerischer Arbeit. Und die umfasst nicht allein die bildnerische Arbeit. Die Künstlerin Helga Schager umfasst ja viel mehr, als hier in dieser Ausstellung zu sehen ist. Ein Leben, das sich irgendwie vielleicht auch in den wiederkehrenden Papierfliegern in Helgas Bildern spiegelt: Diese Papierflieger, die sind auch viel und gleichzeitig: Manifestation einerseits, immer eine kühne Behauptung, andererseits aber auch ein Versprechen, eine Hoffnung vielleicht. Sie sind etwas Gewesenes und gleichzeitig ist ihnen etwas Zukünftiges immanent, liegen quasi zum Fliegen oder zum Abflug bereit – wie hier in dieser Arbeit in einer Scheibtruhe. Helga Schager ist Radiomacherin – da lässt sie andere erzählen, da ist ihre eigene Stimme nicht hörbar, sie ist politisch höchst aktiv, eine Companera, die in der Gruppe agiert und eben Bildende Künstlerin, in dieser Position gestattet sie sich ein ICH. Dieses Ich, das zum Beispiel auf einer Arbeit beim Eingang ins Auge springt, betont Helga in ganz bestimmten Momenten. Nämlich wenn man mit ihr über ihre Arbeit als Bildende Künstlerin spricht. Das ist ein ganz notwendiger Akt der Betonung des Selbst, wenn man wie Helga in einer Künstlerinnenfamilie lebt – umgeben von Kunstschaffenden. Hat das reale Leben aber in der Kunst wenig Platz, dann hat das reale Frauenleben in der Kunst  – so Marlene Streeruwitz in einem Interview – etwa Gebären und Großziehen der Kinder – keinen Platz. Immer scheint es also, als brauche es entweder Beschönigung oder Verniedlichung, oder gar eine Angleichung an das ‚aufregende‘ Männerleben, damit das Frauenleben interessant für die Kunst sein könnte. Auch diesem Umstand, den man durchaus als künstlerisches Dilemma betrachten könnte – nämlich Ehefrau eines Künstlers, Mutter zweier Kunstschaffender und eines kunstschaffenden Schwiegersohnes zu sein begegnet Helga Schager, in dem sie Räume errichtet: nun aber um in ein Drinnen und Draußen unterteilen zu können, um sich abzugrenzen oder einzuschließen, hier geht es nicht darum, einen Erinnerungsraum zu betonen, sondern um einen lebensnotwendigen eigenen Schaffensraum in Form etwa eines realen Arbeitszimmers innerhalb der Wohnung der Schagers, der, so Helga, ‚meiner ist‘. Auf der Arbeit an der Tür ist dieser Raum ein kleiner Kubus, auf dem eine weibliche Figur unglaublich leicht und einhändig einen Handstand vollzieht, während sie in der anderen Hand noch auf ein Ei Acht gibt, es beschützt, wenn man so will. Helga Schager jongliert ebenso leicht mit Versatzstücken und Symbolen tradierter Systeme wie Familie, Häuslichkeit, Gattin-Sein. Näht Rezepte des Ungehorsams etwa in ihre Bilder. Sie löst damit diese Symbole aus ihren Kontexten, aus dem Evidenten, dem Augenscheinlichen und gibt sie fein säuberlich und scharf getrennt zur Betrachtung frei, damit auch ihrer Demontage und vollzieht mit den Objekten, die einem patriarchalen Machtkonstrukt zuzuordnen sind, eine künstlerische Umdeutung. Da kommen auch die Schablonen, die Stencils ins Bild, die die Künstlerin verwendet. Ein Streetart Werkzeug, das auf den öffentlichen Raum verweist, der bei Helga Schager immer sowohl ein politischer als auch ein künstlerischer ist, ein Raum auch geprägt von Kollaborationen, wenn man etwa an ‚Feminismus und Krawall‘ denkt, Räume jedenfalls, in denen spielen, arbeiten und leben möglich sind. Räume, die Helga Schager zur maximalen Möglichkeitsausdehnung nutzt, um sich Ausdrucksformen, Seinszustände oder Zwischenräume zu erarbeiten und wenn nötig (und wann ist es das nicht?) sie auch zu erkämpfen.

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